Barrierefreiheit und digitale Bildungsmedien
Die deutschen Bildungsmedienanbieter setzen sich für klare und transparente Regeln ein, die niedrigschwellige, für alle Menschen zugängliche Inhalte und die wirtschaftlichen Anforderungen bei der Entwicklung und Produktion digitaler Bildungsmedien in Einklang bringen.
Der Verband Bildungsmedien e. V. engagiert sich in Initiativen der Branche, steht im Austausch mit Interessenvertretungen von Menschen mit Behinderungen und arbeitet mit in Fachausschüssen und Arbeitsgruppen der Kultusministerien der Länder, damit Barrierefreiheit in digitalen Bildungsmedien angemessen berücksichtigt werden kann.
Die Bildungsmedienanbieter unterstützen mit ihren vielfältigen Produkten und Angeboten die Inklusion in der Schule: Mit differenzierenden Aufgaben und zieldifferenten Materialien können Lehrkräfte leichter auf heterogene Lerngruppen eingehen. Zusatz-/Förderhefte für Lernende mit erhöhtem Förderbedarf können parallel zum Schulbuch eingesetzt werden. Weiterführende didaktische Hinweise für den inklusiven Unterricht und Vorschläge zur Differenzierung sowie Unterrichtsplanung in inklusiven Klassen unterstützen die Lehrkräfte.
Viele Bildungsmedien werden als Aufbereitung im Multitextformat angeboten für Schülerinnen und Schüler mit einer körperlichen oder einer Mehrfachbeeinträchtigung. Multitext ist ein Kommunikations- und Schulprogramm, das das Erstellen von Texten (Wortvorhersage, Textbausteine), das Darstellen und Berechnen von Rechenaufgaben (Rechenfeld), das Ausfüllen von Schulvordrucken (Texteingabe, Malfunktionen) sowie das Zeichnen von technischen Objekten am PC mit Lineal, Winkelmesser, Geodreieck und Zirkel ermöglicht.
Bildungsmedien für Blinde und Sehbehinderte
Bereits 2014 haben der Verband Bildungsmedien e. V. und das Land Hessen einen Vertrag über einen erleichterten Zugang von blinden oder sehbehinderten Schülerinnen und Schülern zu Inhalten von Unterrichtswerken abgeschlossen. Ziel der Vereinbarung ist es, gleiche Bildungsmöglichkeiten für alle Lernenden sicherzustellen.
Die Zentralstelle in Friedberg erhält elektronische Daten von Bildungsmedien in der Regel kostenfrei und bearbeitet die Dateien, um sie für blinde oder sehbehinderte Lernende wahrnehmbar und sinnvoll einsetzbar zu machen. Sie koordiniert auch Anfragen der Landesmedienzentren anderer Bundesländer. Im Jahr 2024 wurden ca. 2.000 Werke auf diesem Wege aufbereitet und zur Verfügung gestellt.
Zentralstelle für Anfragen nach Schulbüchern
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz soll die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen oder Einschränkungen fördern. Mit Inkrafttreten des Gesetzes am 28. Juni 2025 müssen auch Webshops, E-Books und E-Reader barrierefrei gestaltet sein – sodass z. B. auch blinde und sehbehinderte Menschen sie uneingeschränkt nutzen können.
Der Verband Bildungsmedien e. V. begrüßt die Ziele des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes. Zwischen pädagogischen Zielen und barrierefreier Gestaltung entsteht für die Bildungsmedienanbieter jedoch ein herausfordernder Zielkonflikt: Bildungsmedien als E-Books sind komplexe, didaktisch gestaltete Werkzeuge, die primär für den Unterricht konzipiert sind und nicht wie lineare E-Books genutzt werden. Eine vollständige Umsetzung aller Barrierefreiheitsanforderungen würde in vielen Fällen den Wesenskern dieser Materialien verändern. Die rechtlichen Vorgaben des BFSG und technische Standards, z. B. die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG), stellen zudem hohe Anforderungen, die bei bestimmten Formaten aktuell nur eingeschränkt umsetzbar und/oder didaktisch nicht wünschenswert sind.
Barrierefreiheitsstärkungsgesetz
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) nennt rechtliche Vorgaben für die Barrierefreiheit bestimmter Produkte und Dienstleistungen, die von Verbraucherinnen und Verbrauchern genutzt werden. Mit dem Gesetz wird erstmals in Deutschland die private Wirtschaft zu Barrierefreiheit verpflichtet.
Produkte und Dienstleistungen sind dann barrierefrei, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind.
Digitale Bildungsmedien als E-Books
Bildungsmedien als E-Books sind komplexe, didaktisch gestaltete Werkzeuge, die primär für den Unterricht konzipiert sind und nicht als lineare E-Books funktionieren. Eine vollständige Umsetzung aller Barrierefreiheitsanforderungen würde in vielen Fällen den Wesenskern dieser Materialien verändern. In diesen Bildungsmedien ist die Erfüllung der Barrierefreiheitskriterien deshalb derzeit nur teilweise möglich. Häufige Beispiele für eine solche Veränderung des Wesenskerns sind:
Aus methodisch-didaktischer Sicht gibt es eine Vielzahl an Aufgaben, in denen die Lernenden mit Bildern arbeiten. Diese Bilder haben häufig einen hohen Informationsgehalt und verfolgen den Zweck der Interaktion, da die zu entnehmenden Informationen zur Bearbeitung und Lösung der Aufgabe führen. Ein Alternativtext kann nicht immer so gestaltet werden, dass die Aufgabe vollständig bearbeitet werden kann, ohne dabei die Lösung oder den Erkenntnisgewinn vorwegzunehmen. Zudem kann er in einer Lehrsituation das Bild als Informationsquelle nicht vollständig ersetzen.
Dies sind u. a.
- Aufgaben zur Einführung von Wortschatz durch kognitive Verbindung zwischen Bildern und Begriffen,
- kommunikative Aufgaben, in denen Bilder als Quelle der Information dienen und somit als Grundlage für die Lösung einer Aufgabe fungieren, wobei diese Lösung versprachlicht werden soll,
- Visualisierung von Wortschatz, sprachlichen Strukturen und Satzkonstruktionen durch Illustrationen/Abbildungen (Anhand eines Bildes werden Wörter/Sätze/Texte/... zugeordnet und umgekehrt.),
- Wimmelbilder und andere komplexe Visualisierungen.
Gerade in der Grundschule sind die entsprechenden Lehrwerke vor allem im Hinblick auf altersgerechte, motivierende Gestaltung so aufbereitet, dass sie visuell anregen und unterstützen sollen. Die Vermittlung der Lerninhalte wird dabei vor allem in den ersten Jahrgangsstufen vermehrt auf der Grundlage visueller Gestaltungen vorgenommen.
Bildungsmedien werden nicht so hergestellt, dass sie durchgehend eine klare und eineindeutige Lesereihenfolge aufweisen. Es können Strukturen integriert werden, die dies optimieren. Die Reihenfolge wird an vielen Stellen jedoch nicht wie bei einer reinen Lektüre herstellbar sein. Besonders herausfordernd sind dabei:
- Differenzierende Lesewege auf einer oder mehreren Seiten,
- Designelemente wie z. B. Infoboxen oder großflächige Grafiken, die über eine Seite hinausgehen,
- Sprechblasen und Infografiken,
- Kreuzworträtsel, Wortschnecken, Wimmelbilder, Suchrätsel und Puzzlespiele.
Um Informationen und Unterschiede schnell und einfach zu erfassen, bedienen sich Bildungsmedien oft der farblichen Kodierung. In einer Vielzahl an Fällen ist das Hinzufügen weiterer Unterscheidungsmerkmale möglich. In einigen Fällen würde dies jedoch zu einer erhöhten kognitiven Komplexität führen. Beispiele dafür sind u. a.:
- Silbenfärbung für Erstlesende oder in sonderpädagogischen Materialien für den Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“, um beim Erfassen der Wörter zu unterstützen und schneller zu geübten Leserinnen und Lesern zu werden. Fügt man zusätzlich zur Farbe weitere Unterscheidungsmerkmale hinzu, wie beispielsweise unterschiedliche Arten der Unterstreichung, so kann der Text kognitiv überfordern und zu einem schlechteren Lesefluss führen.
- Komplexe Grafiken wie technische Zeichnungen vermitteln eine Vielzahl an Informationen an die Schülerinnen und Schüler. Ein zusätzliches Unterscheidungsmerkmal neben der Farbe würde die Zeichnung unübersichtlich machen und infolgedessen eine zusätzliche Hürde aufbauen.
- Viele Diagramme nutzen Farben und Kontraste zur Differenzierung. Ohne zusätzliche Kennzeichnungen sind diese u. a. für Menschen mit Farbsehschwäche nicht verständlich. Gleichzeitig ist ein zusätzliches Unterscheidungsmerkmal nicht immer möglich, ohne die Komplexität der Diagramme zu sehr zu erhöhen.
Eine Vielzahl an Inhalten wird visuell aufbereitet, um Komplexitäten wie räumliche Informationen, Beziehungen, mehrdimensionale Zusammenhänge oder Hierarchien gleichzeitig abzubilden. Diese Visualisierungen lassen sich als diskontinuierliche Texte verstehen, bei denen Schrift, Farbe, Symbole, Linien/Punkte und Schraffuren in ihrer komplex differenzierten Anordnung das Ergebnis bilden. Eine lineare, nicht-visuelle Form lässt diese Übersichtlichkeit nur eingeschränkt zu, erhöht die kognitive Belastung und führt zu Verlust des didaktischen Mehrwerts, da Lernende die Struktur selbst rekonstruieren müssen und keine „auf einen Blick“-Erfassung ermöglicht wird.
Beispiele dafür sind u. a.:
- Atlaskarten
- Systemische Darstellungen
- Komplexe Schaubilder, Infografiken und Diagramme
- Rätsel und Puzzlespiele: In Bildungsmedien werden diese verwendet, um das kritische Denken und die Problemlösungsfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Wortfinde-/Buchstabenrätsel z. B. sind eine gern eingesetzte Übung, die spätestens beim diagonalen Einsetzen der Wörter von einem Reader nicht erfasst/weitergegeben werden können.
- Tabellen und Tabellenformat als visuell gesteuerte Wissensvermittlung: Tabellenbücher leben sehr stark von der visuell-durchstrukturierten Wissensvermittlung in hochtechnischen Zusammenhängen. Eine Vereinfachung der Tabellen ist aus didaktischen Gründen keine Option.
Beispiele für eine potenzielle Auswirkung von Kontrastvorgaben:
- Im Bereich Deutsch werden z. B. „Schlüsselwörter“ farbig vom schwarzen Text abgesetzt. Die Schlüsselwörter haben eine wichtige Funktion in der im Lehrwerk zentralen Lesestrategie. In einer barrierefreien Darstellung heben sie sich nicht immer ausreichend gut vom Kontext ab. So verlieren sie ihre didaktische Funktion und schränken die Lernförderlichkeit für alle Schülerinnen und Schüler ein.
- Einige Abbildungen müssen sich in Form und Farbe nah am Original halten, um die Realität abbilden zu können. Dazu gehören u. a. realistische biologische oder medizinische Zeichnungen, Kartenmaterial, Farben aus der Natur.
Austausch und Unterstützung
Fachgespräch „Barrierefreie Bildungsmedien“ auf der Frankfurter Buchmesse 2025 mit Andrea Katemann, Leiterin der Deutschen Blinden-Bibliothek, Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista), Sven Niklas, Referent für digitale Barrierefreiheit Bundesfachstelle Barrierefreiheit, und Robert Richard, Kommissarischer Vorstand der Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen (MLBF AöR), unter Moderation von Kristina Kramer, Stv. Direktorin für europäische und internationale Angelegenheiten Börsenverein des Deutschen Buchhandel
Foto: Olaf Fuhrmann
Die Berücksichtigung von Barrierefreiheitsaspekten ist kein Widerspruch zu didaktischer Exzellenz, sondern ein integraler Bestandteil davon. Der Verband Bildungsmedien e. V. ist deshalb seit vielen Jahren eng vernetzt mit starken Partnern:
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Der Verband Bildungsmedien ist Mitglied der Taskforce Barrierefreiheit des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V., die die Branche bei dieser Aufgabe begleiten und unterstützen möchte. Der enge Austausch mit Vertreter/-innen von Interessengruppen und Betroffenenverbänden sowie internationalen Partnern ist für die Arbeit der Taskforce zentral.
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Um seine Mitglieder mit Informationen zur Umsetzung des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) zu unterstützen, steht der Verband Bildungsmedien zudem in Austausch mit der Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit und der Bundesfachstelle Barrierefreiheit.
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Um einen Beitrag zu der Schaffung von standardisierten Kriterien u. a. für Barrierefreiheit in Bildungsmedien zu leisten, ist der Verband Bildungsmedien e. V. Mitglied im Fachausschuss Barrierefreiheit von eduCheck digital. Das Projekt, initiiert von den Kultusministerien der 16 Bundesländer, hat das Ziel, technische und rechtliche Standards sowie Prüfverfahren für digitale Bildungsangebote zu entwickeln.
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Der Verband und seine Mitglieder stehen auch direkt im regelmäßigen Austausch mit Vertreter/‑innen von Interessengruppen und Betroffenenverbänden, wie zum Beispiel dem Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen und dem Deutsche Blindenstudienanstalt e. V., um deren Bedürfnisse noch besser zu verstehen und – wo möglich – in neu entwickelten Bildungsmedien berücksichtigen zu können.