1. Reckahner Bildungsgespräche

1. Reckahner Bildungsgespräche Heike Schulze

„Bildungsstandards - von der Definition zur besseren Schule“, 23. und 24. Mai 2006

Was die PISA-Ergebnisse vier Jahre nach ihrer Veröffentlichung bewirkt haben, wie die eingeleiteten Reformen zu bewerten sind und was die neuen Bildungsstandards erreichen können, waren die Themen der Reckahner Bildungsgespräche, die der VdS Bildungsmedien gemeinsam mit der Universität Potsdam, der Humboldt-Universität zu Berlin und der TU Dresden am 23. und 24.5. erstmals veranstaltete.

An der Tagung nahmen hochrangige Bildungspolitiker aus Bayern, Berlin, Brandenburg und Thüringen, führende Erziehungswissenschaftler, Bildungsjournalisten meinungsbildender Medien, Direktoren der pädagogischen Landesinstitute und leitende kultusministerielle Beamte aus acht Bundesländern, sowie Vertreter der großen Bildungsverbände und der Schulbuchverlage teil. Die 62 Tagungsteilnehmer waren sich einig, dass die seit vier Jahren eingeleiteten Bildungsreformen mehr Zeit brauchen, um in ihrer Konsequenz und Wirkung abschließend beurteilt werden zu können. Die mit der erstmaligen deutschen Teilnahme an der internationalen PISA-Studie 2000 eingeleitete "empirische Wende" in der Bildungspolitik wurde auch im Nachhinein als wichtiger Schritt zur Reformfähigkeit bewertet. Kontrovers wurde auf der Tagung diskutiert, inwieweit die von der KMK beschlossenen Bildungsstandards und deren Evaluation durch das von der KMK eingesetzte Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen/IQB ausreichen, um den differenzierten Ansprüchen der Schulen und den unterschiedlichen Lernniveaus der Schüler gerecht zu werden. Die große Mehrheit der Tagungsteilnehmer erwartete aber, dass die Bildungsstandards einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung und -entwicklung im Unterricht leisten werden. Bei der erfolgreichen Umsetzung der neuen Testkultur komme den Schulbuchverlagen mit der Entwicklung passender Bildungsmedien eine wichtige Vermittlerfunktion zu. Dass diese Standards "realistisch" sein müssen, um von der Lehrerschaft mitgetragen zu werden, wurde von Bildungsforschern wie Politikern angemahnt. Auf der Tagung kam deshalb die Forderung auf, die Bildungsreformen selbst auf den Prüfstand empirischer Bildungsforschung zu stellen. Umstritten war unter den Tagungsteilnehmern, inwieweit die Reformdiskussion angesichts des neuen Trends hin zum zweigliedrigen Schulsystem auch eine Schulstrukturdebatte braucht. Über die Parteigrenzen hinweg einig war man sich darin, dass differenziert gefördert werden muss: Die Reformen werden sich vor allem daran messen lassen müssen, wie die Maßnahmen den Bildungserfolg von Schülern aus einkommensschwachen und Migrantenfamilien verbessern können. Von der guten Tagungsatmosphäre, bei der die Vertreter verschiedener politischer oder erziehungswissenschaftlicher Positionen immer darum bemüht waren, das konstruktive Gespräch zu finden, fühlt sich der VdS Bildungsmedien bestärkt, die Reckahner Bildungsgespräche als regelmäßig stattfindendes neues Gesprächsforum zu Bildungsthemen zu etablieren.

Podiumsrunde: Was Deutschland aus PISA gelernt hat und lernen kann

Die Tagung wurde in Schloss Reckahn, der Wirkungsstätte des preußischen Aufklärers, Bildungsreformers und Schulbuchautors Friedrich Eberhardt von Rochow (1734-1805), mit einem Vortrag des 1. Vizepräsidenten der Kultusministerkonferenz Klaus Böger in bildungshistorisch bedeutsamem Rahmen eröffnet. In der anschließenden Podiumsrunde diskutierte der Berliner Bildungssenator gemeinsam mit dem Hamburger Staatsrat aD Hermann Lange, der als KMK-Koordinator der ersten PISA-Studie maßgeblichen Anteil an der ersten deutschen Beteiligung an diesem internationalen Vergleichstest hatte, und dem Bielefelder Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann, der als Mitglied des ersten nationalen PISA-Konsortiums die wissenschaftliche Durchführung mitbestimmte, die Frage, was Deutschland aus PISA gelernt hat und lernen kann. Die mit der PISA-Teilnahme eingeleitete "empirische Wende" in der deutschen Bildungspolitik wurde auf dem Podium wie im Publikum verteidigt. Bildungssenator Böger sprach von einem schmerzlichen, aber notwendigen Prozess, der die Reformfähigkeit befördert habe - auch wenn er den Stil der Ergebnispräsentation der letzten PISA-Auswertung durch die OECD als tribunalartig heftig kritisierte.

Podiumsrunde: Was Bildungsstandards leisten sollen und können

Die zweite Veranstaltung der Tagung zur Frage der Erwartung an die neuen Bildungsstandards wurde durch ein Impulsreferat von Prof. Dr. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung/DIPF in Frankfurt am Main eingeleitet. Klieme unterstrich die Notwendigkeit der Einführung von Bildungsstandards als Basis für die Entwicklung einer Testkultur in Deutschland. Allerdings wies er anhand von Erkenntnissen der kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der DESI-Studie (Internationale Vergleichsstudie zu den Deutsch-Englisch-Schülerleistungen) nach, dass Bildungsstandards dann als "unrealistisch" von den Lehrern verworfen werden, wenn wie bei DESI ein Drittel der Hauptschüler diese Standards nicht erreicht. Insofern mahnte er an, künftig auch die Wirkung von Bildungsreformen empirisch zu evaluieren. Der Brandenburgische Bildungsminister Holger Rupprecht unterstrich in der Diskussion die Erwartung, dass mit der Entwicklung von nationalen, in die Lehrplanentwicklungen der Länder eingearbeiteten Bildungsstandards verlässliche Instrumente zur Qualitätsentwicklung für die Schulen geschaffen werden. Dass dazu auch eine Professionalisierung der Lehrerbildung mit einer Stärkung der Didaktik auch in den Hochschulen gehöre, betonte der Vorsitzende der Amtschefkonferenz der KMK, der bayerische Ministerialdirektor Josef Erhard: Mit Sorge sehe er deshalb Entwicklungen wie an renommierten bayerischen Hochschulen, wo die Lehrerbildung stiefmütterlich behandelt oder gar im Rahmen von Einsparungen weggekürzt werde. Die neue Autonomie der Hochschulen wirke sich hierzu in Bayern und - wie aus dem Plenum bestätigt wurde - auch in anderen Bundesländern kontraproduktiv aus.

Podiumsrunde: Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

In der dritten Podiumsrunde wurde der Frage der konkreten Unterrichtsverbesserung durch Bildungsstandards nachgegangen. In seinem Einleitungsvortrag erläuterte Prof. Dr. Olaf Köller, der Direktor des von der KMK eingesetzten Instituts zur Qualitätssicherung im Bildungswesen/IQB, die Institutsarbeiten zur Evaluation der Bildungsstandards und zur Entwicklung von Testinstrumenten für die Schulen. Grundsätzlich bestritten wurde die Wirksamkeit von national einheitlichen Bildungsstandards von dem Tübinger Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Herrmann, der in der Diskussion darauf insistierte, dass Standards so individualisiert sein müssen, dass der Schüler sie erreichen kann. Der Thüringer Staatssekretär Kjell Eberhardt zeigte anhand der Einarbeitung der Bildungsstandards in die curriculare Arbeit auf, dass man gerade diesen Anpassungen an regional unterschiedliche Lernkulturen gerecht werden wolle. Im Weiteren drehte sich die Diskussion auf dem Podium wie auch im Plenum darum, ob die Reformdiskussion auch notwendig eine Schulstrukturdebatte zur Folge haben muss. Der Hamburger Staatsrat aD Hermann Lange wie auch der Vorsitzende des Bundeselternrates, Wilfried Steinert, plädierten hier für eine ergebnisoffene Diskussion. Insbesondere das Überleben der Hauptschule wurde von Tagungsteilnehmern in Frage gestellt. Andere wie Staatsekretär Eberhardt und der Vorsitzende des Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger warnten vor einer solchen Diskussion, die den derzeit bestehenden Konsens unter den Kultusministern, sich auf eine Verbesserung der Unterrichtsqualität zu konzentrieren, wieder aufbrechen könnte. Die Situation der Hauptschule in Deutschland sei unterschiedlich und müsse individuell betrachtet werden. Einig war man sich aber wieder darin, dass sich die Reformerfolge - wie es Staatsrat aD Lange formulierte - daran werden messen lassen müssen, wie sie die Bildungschancen von Schülern aus einkommensschwachen und Migrantenfamilien verbessern können.

Vortrag: Ausblick auf Schule im Jahr 2016

In der Abschlussveranstaltung wagte der Bielefelder Erziehungswissenschaftler und Leiter der Laborschule Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann einen Blick in die Zukunft von Schule. Seinen Vortrag konturierte er mit drei Zukunftsszenarien aus der Gegenwartsliteratur: der negativen Vision von John Morressy einer Ausgrenzung von potentiell gewalttätigen Schülern in militarisierte Verwahrungsanstalten (inner-city-Schulen), die als Belohnung für Wohlverhalten in die Arbeitslosigkeit entlassen werden; der positiven Vision von Georg Leonards "Kennedy-Schule", in der der altbekannte Schulbetrieb in eine Lern- und Entdeckungsschule umgewandelt wurde, die den Schülern selbst bestimmtes Lernen ermöglicht; und der Vision von Lewis Perelmans "Hyperlearning-Welt", in der sich mit Hilfe der neuen Technologien Schule als Institution aufgelöst hat zum ortsungebundenen Lernen freier Bestimmung ohne Lehrer wird. Tillmann plädierte für den Erhalt von Schule als eine Institution der Integration von möglichst vielen verschiedenen Bildungsbiographien, die sich dem Trend zur Ökonomisierung und Entpersonalisierung zu entziehen vermag. Er warnte vor Ansätzen, die zu einer pauschalen Kriminalisierung von Schülern und zur weiteren Segregation nach Einkommensverhältnissen führen werde. In der anschließenden Diskussion wurde strittig diskutiert, inwieweit die Einführung eines Schulrankings negativ bewertet werden muss. Der Konflikt zwischen dem berechtigten Interesse der Eltern nach mehr Transparenz zur Qualität von Bildungsinstitutionen und dem ebenso berechtigten Interesse der Schulen, nicht in Konsequenz eines negativen Rankings die leistungsfähigeren Schüler zu verlieren und in eine nicht mehr aufzuhaltende Abwärtsspirale zu geraten, konnte aber abschließend nicht gelöst werden.

Die Impulsreferate können im Anhang heruntergeladen werden.

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