10. Reckahner Bildungsgespräche

10. Reckahner Bildungsgespräche Heike Schulze

„TIMSS, PISA, IGLU, VERA – notwendiges Steuerungswissen oder Zumutung für Schüler und Lehrer?“, 7. und 8. Mai 2015

Die 10. Reckahner Bildungsgespräche, zu denen rund 45 Teilnehmer/-innen aus Wissenschaft, Schulpraxis, Lehrerbildung, Politik und Bildungsverlagen zusammenkamen, standen unter der Überschrift „TIMSS, PISA, IGLU, VERA – notwendiges Steuerungswissen oder Zumutung für Schüler und Lehrer?“. Das Impulsreferat von Prof. Dr. Hans Anand Pant, Tagungsablauf und Teilnehmerliste finden Sie im Anhang zum Download.

 

Tagungsbericht

Die Vermessung der Bildungsforschung: PISA und Co auf dem Prüfstand
von Lothar Guckeisen, Journalist

„Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“ So ergeht es nun offenbar auch der empirischen Bildungsforschung. Sie hat den outputorientierten Geist des Wiegens und Messens in die Bildungshäuser getragen. Nun klopft er immer öfter auch an die Tür der Empiriker selbst und überprüft die Leistungsfähigkeit dieser Profession. Zum Beispiel auf den 10. Reckahner Bildungsgesprächen am 7./8. Mai 2015 in Potsdam und Reckahn. Dort diskutierten Vertreter aus Wissenschaft, Schulpraxis, Lehrerbildung, Politik und Bildungsverlagen über den vermeintlichen Siegeszug der empirischen Bildungsforschung und zogen vorsichtig Bilanz. Was hat die seit gut 20 Jahren andauernde, intensive Vermessung unseres Bildungssystems eigentlich gebracht? Was können Vergleichsstudien wie TIMSS, IGLU, VERA, PISA und Co überhaupt leisten? Werden die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt? Welche Wirkungen haben sie auf Schulpolitik und Schulpraxis? Bedeutet die „empirische Wende“ per se eine Wende zum Besseren? Ist diese öffentlich geförderte und gewollte quantitative Bildungsforschung alternativlos oder muss sie durch qualitative Verfahren ergänzt werden? Hat sie ihren Zenit gar schon überschritten? Dem Feuerwerk an Fragen folgte erwartungsgemäß ein Donnerhall kontroverser Antworten. Aber es gab auch so etwas wie einen Common Sense.

Die Leistungsvergleiche zeigen Wirkung

Empirische Bildungsforschung provoziert Nachdenken und zwingt zur Auseinandersetzung. Das ist ganz zweifellos ihr großes Verdienst. Die Daten und Fakten der Large-Scale-Assessments haben schonungslos die Defizite unseres Bildungssystems offengelegt und können nicht länger übersehen oder gar bewusst ignoriert werden. Die zahlreichen Leistungsvergleichsstudien haben die bildungspolitische Debatte in Deutschland befeuert und einen beispiellosen Reformeifer befördert. Darin waren sich die Gesprächsteilnehmer einig. Und die anwesenden Politiker – ein amtierender Bildungssenator und ein ehemaliger Kultusminister – räumten offen ein: „ohne diese Studien wäre weniger passiert und ganz sicher nicht so viel Geld ins Bildungssystem geflossen.“

Insbesondere das „Schmuddelkind“ PISA habe in dieser Hinsicht viel bewirkt. Schmuddelkind? Na ja, zumindest „ein Sonderfall!“ in der Familie der empirischen Bildungsforscher. Denn, so der Tenor der Runde, die Macher von PISA würden die angebrachte Zurückhaltung von Wissenschaftlern oft vermissen lassen und in „ungebührlicher Weise politisch Einfluss nehmen“. Für die Fundamentalkritiker der Gesprächsrunde ist die OECD gar „eine interessengeleitete Institution, der es nie nur um Wissenschaft gegangen sei“. Insbesondere die „Durchstechereien“ bei der Veröffentlichung der Ergebnisse und die wenig aussagekräftige Aufbereitung der Daten in Form von Rankings seien mehr als fragwürdig und sprächen für sich.

Gleichwohl: Die „fragwürdigen Methoden und Manieren“ sind offenbar bestens geeignet, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das wurde festgehalten und von den anwesenden Medienmachern auch bestätigt. Das vormals eher stiefmütterlich behandelte Thema Bildungspolitik sei in den Medien viel stärker präsent als früher. Salopp formuliert: Bildungsfragen fallen nicht mehr unter die Rubrik „Gedöns“. Positiv ausgedrückt: Empirische Bildungsforschung hat, wenn sie mit ihren Ergebnissen redlich umgeht, potentiell die Chance aufklärerisch zu wirken. Sie schafft Problembewusstsein, stößt gesellschaftliche Debatten an und liefert wichtiges Diagnosewissen. Aber dieses Wissen ist seinem Wesen nach deskriptiv. Daraus lässt sich kein wissenschaftlich begründbares Sollen generieren, jedenfalls nicht, wenn man es mit dem wissenschaftlichen Ethos ernst nimmt.

Das Missverständnis zwischen Politik und Wissenschaft

Damit gerät die empirische Bildungsforschung aber in ein Dilemma. Denn die Wucht ihrer Ergebnisse hat auch eine Erwartung geweckt. Nämlich, dass mit Daten, Zahlen und Fakten gleichsam das Rezept mitgeliefert wird, wie man es besser machen kann. Insbesondere die Politik hat sich von den Empirikern handlungsleitendes Steuerungswissen versprochen und in den vergangenen Jahren viel Geld in diesen Forschungszweig gepumpt. Weit über 100 Millionen Euro Fördergelder wurden für Projekte vergeben, die im weitesten Sinne empirische Bildungsforschung betreiben. Angesichts der gut gefüllten Fördertröge hat zumindest ein Teil der Forschergemeinde diese Erwartung der Politik nicht entschieden genug gedämpft. Doch genau das tut not. Darin war sich der Gesprächskreis in Reckahn einig. Das System der Schule sei viel zu komplex für einfache „Ursache-Wirkung-Schlussfolgerungen“. Aus den Leistungsvergleichsstudien lasse sich kein valides Erklärungswissen generieren, geschweige denn eine Handlungsanleitung für konkrete Schul-und Unterrichtsentwicklung. Die Frage „what works“, sei noch immer weitgehend offen. Wenn überhaupt, dann würden hier Vergleichsstudien wie etwa VERA in jedem Fall bessere Hinweise liefern, als die viel zitierten PISA-Studien. Und auch darauf wurde verwiesen: Bislang wird nur ein begrenzter Ausschnitt von Kernfächern durch Leistungsvergleichsstudien erfasst! Was ist mit den anderen Fächern, insbesondere den musischen? Inwieweit die sich mit der Logik bisheriger Leistungstests angemessen erfassen lassen, wurde im Gespräch nur gestreift. Leise Zweifel waren vernehmbar.

„Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett!“

Diese schlichte Redensart bringt den Tenor der 10. Reckahner Bildungsgespräche auf den Punkt. Die empirische Bildungsforschung habe zwar „segensreich gewirkt“, indem sie wichtige Informationen geliefert hat, wo es mögliche Baustellen im System gibt. Aber gerade deshalb müsse nun die quantitative Betrachtungsweise dringend von qualitativ ausgerichteten Studien ergänzt werden. „Wir haben kein Datendefizit, sondern ein Theorie-und Praxisdefizit!“, hieß es. In der Tat sind ja die Befunde darüber, dass unser Schulsystem Chancenungleichheit nicht beseitigt, sondern durch selektive Verfahren teilweise noch verstärkt, hinlänglich bekannt. Bekannt ist auch, welche Bevölkerungsgruppen besonders darunter zu leiden haben. Der Standort ist also empirisch ausreichend bestimmt. Wir wissen, wo wir stehen. Jetzt müsse es vorrangig um die Frage gehen, welche Probleme wir vorrangig angehen wollen und welche Wege wir zu ihrer Lösung beschreiten wollen. Nach Jahren des Messens und Vergleichens von Schülerleistungen stehe jetzt vor allem die Qualitätsentwicklung unseres Bildungssystems auf der Tagesordnung. So müssten etwa mehr Ressourcen für Unterrichtsentwicklung und Lehrerbildung frei gemacht werden. Konkret: Nun sind vor allem Praktiker und Politiker gefordert! Die Profession der Empiriker sei dabei gut beraten sich zu bescheiden, denn die Frage, was zu wollen ist, könne nun mal nicht wissenschaftlich begründet beantwortet werden. „Wissenschaftler machen sich doch zum Affen, wenn sie so tun, als hätten sie diesbezüglich mehr und vor allem bessere Antworten parat als die verantwortlichen Politiker.“

Eine verfrühte Bilanz

Für eine abschließende Bewertung des konkreten Nutzens von empirischer Bildungsforschung sei es noch zu früh, meinte die Mehrheit der Gesprächsteilnehmer. Aber die Meinung herrschte vor, dass sie prinzipiell unverzichtbar ist. Die Methode, innerhalb des Gesamtsystems der Schule Wirkungsanalyse zu betreiben, nüchtern zu analysieren, was unsere Bildungseinrichtungen tatsächlich leisten, sei vom Ansatz her richtig. So habe die empirische Wende dazu beigetragen die bildungspolitische Diskussion zu versachlichen und zu beruhigen. Die Zeiten, als bildungspolitische Fragen einen regelrechten Kulturkampf provoziert hätten, seien vorerst vorbei. Die philosophisch aufgeheizten Debatten, die ideologisch verblendeten Grabenkämpfe, gehörten der Vergangenheit an und damit sei Raum geschaffen worden für pragmatische Reformschritte. Vor diesem Hintergrund sei die durch PISA ausgelöste „pädagogische Panik“ ebenso unbegründet wie überflüssig.

In der Tat haben die Politiker durch empirische Studien nützliches Orientierungswissen an die Hand bekommen. So ist sichtbar geworden, dass die Schulen in Deutschland nicht nur ein Leistungsproblem, sondern auch ein Gerechtigkeitsproblem haben. Dabei gehen die Forschungsergebnisse weit über diesen globalen Befund hinaus und liefern vielfach auch nützliches Detailwissen über erfolgreiche und misslungene Bildungsvermittlung. Das Repertoire pädagogischer Interventionen könnte damit beträchtlich erweitert werden. Leider findet gerade das bei den Medien und den verantwortlichen Politikern vergleichsweise wenig Beachtung. Aber das könne man ja nicht den Forschern anlasten, hieß es. Prinzipiell sei eine empirisch orientierte Bildungspolitik ein wichtiges Hilfsmittel, um unser Bildungssystem sinnvoll zu steuern. Der Weg, Fachleistungen zu standardisieren und die Vermittlung mit Kompetenztests zu überprüfen, sei plausibel. Allerdings müsse sich das wissenschaftliche Interesse dabei wieder stärker auf die Untersuchung der eigentlichen Bildungsprozesse und auf die handelnden Akteure konzentrieren; also die Besonderheit der einzelnen Schule, die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern, das konkrete Unterrichtsgeschehen müsse mehr als bisher ins Blickfeld rücken.

In diesem Sinne greife die in den vergangenen Jahren zu beobachtende Fokussierung auf eine rein testorientierte Bildungsforschung zu kurz und wurde scharf kritisiert. Die Testverfahren vieler Studien seien „relativ trivial“ und die inzwischen eingetretene Ernüchterung gegenüber diesem speziellen Segment empirischer Forschung sei begründet. Aus den Testergebnissen lasse sich jedenfalls keine Deutungshoheit bezüglich bildungspolitischer Fragestellungen begründen. Aber das sei eine Erkenntnis, die sich inzwischen mehr und mehr durchsetze. Insofern habe diese spezielle Ausrichtung empirischer Bildungsforschung ihren Zenit bereits überschritten. Ein Teilnehmer der Runde ging sogar so weit, diesbezüglich schon einen „Totenschein“ auszustellen. Aber wie heißt es so schön? Totgesagte leben länger!

Die Reckahner Bildungsgespräche sind eine Veranstaltungsreihe des Verband Bildungsmedien in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Augsburg und der Universität Potsdam. Sie bieten ein Gesprächsforum, auf dem die Ziele der Bildungsreformen und deren Umsetzung konstruktiv hinterfragt und abseits der tagespolitischen Zwänge diskutiert werden. In einer Zeit des tief greifenden Umbruches im Bildungssystem soll der interdisziplinäre Dialog intensiviert werden. Dafür werden Vertreter/-innen aus Politik, Wissenschaft, Bildungspraxis und den Medien eingeladen.

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