11. Reckahner Bildungsgespräche

Eröffnung der 11. Reckahner Bildungsgespräche Eröffnung der 11. Reckahner Bildungsgespräche

„Integration der Flüchtlinge durch Bildung – Schaffen wir das? Und wie schaffen wir das?“, 10. und 11. Mai 2016

Auf den 11. Reckahner Bildungsgesprächen diskutierten rund 45 Teilnehmer/-innen aus Wissenschaft, Schulpraxis, Lehrerbildung, Politik und Bildungsverlagen das Thema „Integration der Flüchtlinge durch Bildung“. Tagungsablauf und Teilnehmerliste finden Sie im Anhang zum Download.

 

Tagungsbericht

von Lothar Guckeisen, Journalist

Die Kernfrage der 11. Reckahner Bildungsgespräche wurde eigentlich bereits im Grußwort beantwortet. Der brandenburgische Bildungsminister Günter Baaske gab sich zuversichtlich, dass die große Herausforderung gemeistert werden kann. „Einfach wird es nicht, aber ich sehe überall im Land ermutigende Beispiele“, meinte Baaske. „Die Menschen, die zu uns flüchten, haben ihre eigene, ganz persönliche Geschichte. Sie brauchen individuelle Unterstützung. Die Situation vor Ort ist strukturell sehr verschieden. Für die Betreuung gibt es keine Standardregelungen – aber es funktioniert!“ Wenn die Integration der Flüchtlinge weiter so vernünftig angepackt werde, dann entpuppe sich die vermeintliche Krise als Chance für unser Land, so Baaske. Demografiebedingte Probleme könnten damit in Deutschland ein Stück weit entschärft werden. Soweit der Optimismus des Ministers. Im Verlauf der Veranstaltung wurde dann aber auch deutlich, was Baaske gemeint haben könnte, als er sagte, „einfach wird es nicht“. Dazu später mehr, denn zu Beginn ging es zunächst um den Versuch einer Lagebeschreibung. Dr. Ulrich Jahnke, Leiter des Referates AS 1 (Bildung, Arbeitsmarkt, Familie, Medien, Forschungskoordinierung) bei der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, und der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Udo Michallik, wurden um ihre Einschätzung gebeten.

 

Materielle und rechtliche Grundlagen (Forum I)

„Unser Land ist in der Flüchtlingsfrage zerrissen“, meinte Jahnke und beklagte dabei auch die anhaltende Gewalt gegen Flüchtlingsunterkünfte. Insgesamt sei die Lage zwiespältig. Einerseits gebe es viel staatliche Unterstützung und großes zivilgesellschaftliches Engagement für Geflüchtete. „Andererseits achtet die Bundesregierung peinlich darauf, dass alles was Anziehungseffekte auslösen könnte, vermieden wird.“ Die gegenwärtig sinkende Zahl von Flüchtlingen, die es bis nach Deutschland schaffen, sei politisch gewollt. Ob der Rückgang von Dauer ist, könne niemand voraussagen. „Die fragile Stabilität“ eröffne jetzt die Gelegenheit um durchzuatmen und nachzudenken, wie die bildungspolitischen Weichen gestellt werden müssen, um denjenigen die bereits hier sind eine Perspektive zu bieten. Doch wie viele sind das genau? Gibt es verlässliche Zahlen darüber, wie viele geflüchtete Kinder und Jugendliche derzeit in Kitas, Schulen und Ausbildung sind und noch kommen werden? Klare Antwort: Nein! Im Moment kann man lediglich aus den gestellten Asylanträgen Schätzungen ableiten. Im Kitabereich rechnet man danach mit etwa 130.000 Flüchtlingskindern. In den allgemeinbildenden Schulen erwartet man rund 150.000 neue Schüler. Am größten ist der Zuwachs im berufsbildenden Bereich, mit etwa 320.000 geflüchteten Kindern und Jugendlichen im Alter von 16-25 Jahren. „Doch wie gesagt, das sind nur grobe Schätzungen“, so Jahnke. Und was weiß man über die mitgebrachte Bildungsqualifikation der jungen Menschen? Klare Antwort: wenig! Es gibt noch keine systematische Erfassung des Kompetenzniveaus. „Das hat auch viel mit den unterschiedlichen Bleibeperspektiven zu tun. Unser Aufenthaltsrecht ist kompliziert und eigentlich nur von Spezialisten verstehbar“, meinte Jahnke. Menschen, die im Bildungsbereich tätig sind, wüssten häufig nicht, ob und wie lange ein Kind hier bleiben darf und welches Förderprogramm einem Jugendlichen eigentlich offen stehe. Das führe zur Verunsicherung bei vielen Lehrkräften. Auch hinter den Erfolgsaussichten der Integrationsmaßnahmen stehe ein großes Fragezeichen. „Es wird kreativ und engagiert gearbeitet, aber kaum evaluiert.“ Im Klartext: Es fehlen wichtige Daten für eine empirisch gestützte Bildungsplanung.

„Gleichwohl haben wir die Herausforderung bislang gut gemeistert“, meinte Udo Michallik. Das zeige auch die Tatsache, dass in der aufgeheizten Flüchtlingsdebatte die Schulen kaum thematisiert wurden. Ihnen sei es tatsächlich gelungen, nahezu alle Flüchtlingskinder im schulfähigen Alter aufzunehmen. In den „Willkommensklassen“ würden die Kinder gut vorbereitet und es gebe für sie viele Unterstützungs- und Förderangebote. Dabei könne man sich auf bewährte Integrationskonzepte und Erfahrungen der Vergangenheit stützen. Die Länderregierungen hätten angemessen auf die Situation reagiert und die nötige finanzielle und personelle Unterstützung mobilisiert. Es würden viele neue Lehrkräfte eingestellt und obwohl der Markt dafür angespannt sei, habe es bislang keinerlei Abstriche bei der Qualität der Bewerber gegeben. Auch das Fortbildungsangebot für Lehrkräfte sei beträchtlich ausgeweitet worden, insbesondere beim wichtigen Thema Sprachvermittlung. „Aber der Unterstützungsbedarf an den Schulen hat sich deutlich erhöht“, räumte Michallik ein. „Angesichts der traumatischen Erfahrungen, die viele Flüchtlingskinder gemacht haben, muss es deshalb an jeder Schule ein sozialarbeiterisches und psychologisches Betreuungsangebot geben. Außerdem muss die Kooperation mit anderen Einrichtungen der Jugendhilfe verbessert werden.“ Doch genau hier hapert es bekanntlich seit langem. „Deutschland hat die schlechteste Versorgung an Schulpsychologen in Europa“, wurde aus dem Plenum kritisch angemerkt. Und was heiße eigentlich „bewährte Integrationskonzepte“? In Berlin oder dem Ruhrgebiet gebe es in dieser Hinsicht viel zu viele Beispiele des Scheiterns. Eine differenzierte Debatte darüber, was Erfolgskriterien für eine gelungene Integration sind, sei dringend notwendig. Das gleiche gelte für die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland sein will und was das für die eingesessene Bevölkerung bedeutet. Auch auf andere offene Fragen wurde hingewiesen. Was wird aus den Jugendlichen, die nicht mehr im schulpflichtigen Alter sind, die aber aufgrund von Bürgerkrieg und Flucht keine ausreichende Schulbildung genossen haben? Wie kommen wir zu klareren Verhältnissen beim Thema Aufenthaltsstatus? Ist die Verständigung auf ein Einwanderungsgesetz nicht längst überfällig? Ist es sinnvoll, dass alle Bundesländer eigene Integrationskonzepte entwickeln, statt eine gemeinsame Strategie zu verfolgen? Die Antwort des Generalsekretärs: „wir sehen in dieser Frage keine koordinierende Materie für die KMK, weil jedes Land aufgrund der Besonderheit vor Ort flexibel entscheiden können muss.“

 

Flüchtlingskinder im Schulalltag (Forum II)

Und wie ist die Situation vor Ort? Andreas Heintze, Referatsleiter der Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg, sieht derzeit in der mangelnden Planbarkeit die größte Herausforderung. „Wir wissen ja nicht im Voraus, wann wie viele kommen und um welchen Personenkreis es sich dabei genau handelt. „Da ist es nicht einfach, passende Angebote zu schaffen.“ Dass die Flüchtlingskinder vor allem Angebote brauchen, um schnell die deutsche Sprache zu lernen, ist selbstverständlich. Aber diese Kinder haben ja nicht nur Defizite, sondern bringen auch eigene Kompetenzen mit. Manchmal können sie zwar kein Deutsch, aber haben beispielsweise Kenntnisse in mehreren anderen Sprachen. Das wird im Moment leider kaum festgestellt, so Heintze. „Als Behörde steht man dann immer in Gefahr, die Individualität der Kinder zu übersehen und stereotyp nach der Kategorie Herkunftsland zu sortieren.“ Sortieren? Ja. In Hamburg und anderswo werden die Flüchtlingskinder zunächst in separaten Klassen auf den Regelunterricht vorbereitet. Wäre es nicht besser sie von Anfang an inklusiv zu beschulen? Antwort: vielleicht. „Denn niemand kann derzeit empirisch belegen, was besser funktioniert“, so Heintze. Stichwort Evaluation. Aus seiner Sicht geht es jetzt vor allem darum, die Unterrichtsqualität in den Vorbereitungsklassen sicherzustellen. Diese Klassen dürften kein isolierter Teil des Schulalltags sein, sondern alle Lehrkräfte müssten sich miteinander austauschen, wie dort guter Unterricht gestaltet werden könne.

„Bei uns funktioniert das eigentlich ganz gut“, sagt dazu Schulleiterin Dr. Bärbel Weixner. Doch ihre Grundschule im beschaulichen Bad Tölz sei sicher nicht repräsentativ. Die Schule ist klein, lediglich 200 Kinder. Die Lehrkräfte sind erfahren und jeder 2. Schüler hat einen Migrationshintergrund. Momentan werden 10 % Flüchtlingskinder unterrichtet und die Integrationsarbeit wird mit viel Herzblut von ehrenamtlichen Helfern oder Honorarkräften unterstützt. „Prinzipiell kann Integration aber nur gelingen, wenn genügend professionelles Personal vorhanden ist“, mahnt Weixner. Insbesondere müssten ausreichend Sprach- und Förderschullehrer zur Verfügung stehen. Doch das ist nicht nur in Bayern ein Problem. Das Geld ist zwar da, aber es gibt nicht genügend Lehrkräfte. Die Landesregierung startete Anfang des Jahres sogar einen Aufruf an Pensionisten und Lehrkräfte in Eltern- und Teilzeit, mit der Bitte, zumindest zweitweise ins Klassenzimmer zurückzukehren. Die Flüchtlingssituation hat nicht nur in Bayern, sondern bundesweit einen neuen Arbeitsmarkt für Lehrkräfte geschaffen. Mit Interesse wurde in diesem Zusammenhang ein Pilotprojekt der UNI Potsdam aufgenommen, bei dem versucht wird, aus den Reihen der Flüchtlinge ausgebildete Lehrkräfte zu identifizieren und für den Unterricht zu aktivieren. „Ganz entscheidend für gelingende Integration ist aber auch die Kommunikation mit den Eltern der Flüchtlingskinder“, betonte Weixner. Das sei ein großes Problem. „Die haben oft immense Berührungsängste. Sie kommen nicht in die Schule und wir haben nicht die Kapazität sie außerhalb aufzusuchen.“ Manchmal scheitert es auch schlicht an der Sprache, weil der Schule kein Dolmetscher zur Verfügung steht. Gerade im ländlichen Raum fehlt es häufig an Übersetzungsprofis. Das gilt auch für Bad Tölz. „Wir haben schon Flüchtlingskinder eingesetzt, die für uns als Übersetzer „gearbeitet“ haben,“ sagte Weixner und regte an, einen Informationsflyer für geflüchtete Eltern zu entwickeln. Der sollte in mehreren Sprachen verfasst sein und die jeweilige kulturelle Besonderheit der Adressaten berücksichtigen.

Die Kommunikation mit den Eltern hält auch Podiumsgast Prof. Dr. Harry Harun Behr für wichtig. Damit könnten gegenseitige Vorurteile abgebaut werden. Als Beispiel nannte er die Erwartung der Eltern hinsichtlich des Islamunterrichts in der Schule. Die Erfahrung aus der Migration vergangener Jahre zeige nämlich, dass es den meisten muslimischen Eltern gar nicht vorrangig um religiöse Unterweisung gehe. „Die meisten Eltern schicken ihre Kinder da hin, weil sie hoffen, dass sie dort ermuntert werden, sich anzustrengen und im Beruf erfolgreich zu sein.“ Behr ist Professor am Institut für Pädagogik der Sekundarstufe an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und 1980 zum Islam konvertiert. Er glaubt nicht, dass bekenntnisorientierter Unterricht per se integrationsfördernd ist. Aber der Religionsunterricht könne einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung von Fluchterlebnissen leisten. „Hier kann man den Kindern die Möglichkeit geben, ihre Geschichten zu erzählen und ihnen das Gefühl vermitteln, dass ihnen zugehört wird.“ Die vielen Fluchtgeschichten in der Bibel oder dem Koran seien ein wertvoller „Kulturspeicher an Erfahrungen“. Sie böten Hinweise, wie man mit Flucht und Migration umgehen kann. Auch die hier in Deutschland ansässige islamische Theologie müsse in dieser Weise ihrer Verantwortung gerecht werden. „Sie muss viel aktiver normativ in die Gesellschaft hineinwirken und den Muslimen deutlich machen, was im Sinne des islamischen Glaubens ein adäquates Verhalten ist, insbesondere auch gegenüber Frauen.“ Die Gewalt in der Kölner Silvesternacht und islamischer Extremismus seien jedenfalls nicht mit dem Glauben zu begründen und auch nicht ursächlich damit zu erklären. Dafür sei die Auseinandersetzung mit den im muslimischen Kulturkreis dominanten patriarchalischen Handlungsmustern viel aufschlussreicher. Diese Muster spielten bei der Rekrutierung islamistischer Extremisten eine große Rolle. Viele der angeworbenen Jugendlichen kämen ja bekanntermaßen aus Elternhäusern, in denen es keinen praktizierten Islam gibt. Aufgrund ihrer autoritätsorientierten kulturellen Prägung fänden sie wenig Halt in einer freien Gesellschaft und könnten die empfundene spirituelle Leere nicht selbstbestimmt füllen. Die Suche nach Ersatzautoritäten führe manche dann auch in die Arme von Islamisten. Sie würden sozusagen Opfer ihrer eigenen kulturbedingten Konstruktionen. Diese müssten ganz generell dekonstruiert werden, wenn Integration gelingen soll. Das gelte selbstverständlich auch für unsere eigenen Konstruktionen. „Wir alle haben Bilder von Flüchtlingen im Kopf und gewisse Zuschreibungen über diese Menschen, auch die müssen dekonstruiert werden.“ Das fördere das gegenseitige Verständnis und entschärfe auch so manchen kulturbedingten Konflikt im Klassenzimmer. Dem wurde nicht grundsätzlich widersprochen, aber im Plenum wurde doch kritisch angemerkt, dass den Lehrern im Schulalltag wenig damit geholfen sei, wenn man sie darauf verweise, dass es eben verschiedenartige kulturelle Skripte gibt. Wenn ein Flüchtlingskind im Unterricht „verhaltensauffällig“ werde oder Eltern „seltsame Sanktionspraktiken“ pflegen würden, dann fühlten sich viele Pädagogen erst mal hilflos. „Diese Lehrer wollen dann keine abgehobenen theoretischen Diskurse, sondern klare Handlungsanweisungen und Deeskalationsstrategien für die konkrete Situation.“

 

Berufliche Ausbildung und Qualifizierung (Forum III)

Um Einblicke in den berufsbildenden Bereich ging es beim dritten Podiumsgespräch mit Ronald Rahmig (Leiter des Oberstufenzentrums KfZ in Berlin), Martin Stöckmann (Siemens Professional Education Berlin) und Hartmut Sturm (Hamburger Institut für Berufsbildung). Es wurde deutlich: auch an berufsbildenden Schulen gibt es einen erheblichen Bedarf an neuen Lehrkräften. Und genau wie in den allgemeinbildenden Schulen gibt es keine verlässliche Kompetenzerfassung bei den geflüchteten Jugendlichen. Dabei geht es nicht nur um formale Kompetenzen, sondern insbesondere auch um die Frage, wie man informelle Kompetenzen feststellen und anrechnen kann. Die Frage ist nicht neu. „Aber ich habe die Hoffnung, dass wir im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik die Chance haben, hier zu besseren Antworten und Konzepten zu kommen“, meinte Hartmut Sturm. Allgemein gibt es bei der Versorgung von geflüchteten Jugendlichen im Ausbildungsalter große regionale Unterschiede. In Berlin und Brandenburg sind beispielsweise derzeit noch rund 1.500 Flüchtlinge im Alter von 16-25 Jahren unversorgt. In Hamburg gibt es dagegen keinen „Versorgungsstau“. „Spätestens nach drei Wochen ist bei uns jeder geflüchtete Jugendliche in einer berufsbildenden Schule untergebracht“, versicherte Hartmut Sturm. Auch die Vermittlung von Praktikumsplätzen gelingt in der Hansestadt offenbar besser als in Berlin. Für alle Regionen gilt, dass das Qualifikationsniveau der Flüchtlinge anfänglich sehr hoch gewesen ist. Bei den später Angekommenen sieht das anders aus. Die Analfabetenquote in der Muttersprache liegt hier bei etwa 25 %. Neben fehlenden Deutschkenntnissen gibt es also auch ein großes Grundbildungsdefizit. „Die im Heimatland erworbene schulische Qualifikation ist höchstens bei jedem fünften Jugendlichen ausreichend, um nach einer gewissen Vorbereitungszeit eine Ausbildung anzufangen,“ konstatierte Martin Stöckmann. Hinzu komme, dass das Verständnis der Flüchtlinge von einer Berufsausbildung deutlich von den unseren abweiche. Auch wegen der unklaren Bleibeperspektive dächten viele Flüchtlinge nicht an den längerfristigen Wert einer guten Ausbildung. „Viele wissen doch gar nicht, ob sie hier wirklich dauerhaft bleiben möchten oder dürfen. Die wollen zunächst einfach nur arbeiten und Geld verdienen.“ Vor diesem Hintergrund wurde auch darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, in jedem Fall eine berufliche Vollqualifikation anzustreben. Möglicherweise sei in manchen Fällen eine Teilqualifikation der bessere Weg. Entsprechende Angebote gibt es ja bereits für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die Meinungen darüber waren geteilt. Eine klare Absage gab es dagegen für den Vorschlag bei Flüchtlingen die Mindestlohnregelung auszusetzen. Das sei sozialer Sprengstoff, hieß es. Das führe zu einem Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt. Erhebliche Konkurrenz gibt es bereits auf dem Ausbildungsmarkt, meinte Ronald Rahmig. „Die Flüchtlinge, die eine Vorbereitungsmaßnahme machen, sind in der Regel viel leistungsbereiter und motivierter als die „deutschen“ Jugendlichen, die sich im sogenannten Übergangssystem befinden.“ Er stelle fest, dass manche Betriebe deshalb bei der Bewerberauswahl geflüchteten jungen Menschen den Vorzug geben. Das gelte insbesondere für den gewerblich-technischen Bereich, weil hier die Anforderung an die Sprachkompetenz nicht so hoch sei wie etwa bei einer kaufmännischen Tätigkeit. Das macht erneut deutlich: Sprache ist der Schlüssel! „Und was wir brauchen sind kluge Konzepte, wie wir die Vermittlung von Sprachkenntnissen mit der beruflichen Orientierung verbinden können“, betonte Rahmig. Es mache keinen Sinn erst die Sprache zu lernen und dann mit der fachlichen Qualifikation zu beginnen. Das müsse Hand in Hand gehen. „Die Ausbildung dauert dann vielleicht etwas länger, aber das müssen wir in Kauf nehmen.“ Und noch etwas wurde betont, was für den berufsbildenden Bereich allgemein gilt. Die Qualifizierung der Jugendlichen macht nur Sinn, wenn es eine verlässliche Anschlussperspektive gibt. Der Königsweg sei da in jedem Fall die Vermittlung in eine betriebliche Ausbildung. Hier würden nicht nur berufliche Fachkenntnisse am besten vermittelt, sondern auch gesellschaftliche Integration gefördert. Ein gesicherter Aufenthaltsstatus sei dafür allerdings die entscheidende Voraussetzung. Das bestätigte auch Martin Stöckmann. „Aus Sicht der Betriebe sind rechtliche Unsicherheiten und verwaltungstechnische Hemmnisse die größten Hürden für die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.“ Die Unternehmen seien sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst, es müsse aber auch klar sein, dass sich diese Integrationsleistung für die Unternehmen irgendwie auch rechnen müsse. Dabei sei noch längst nicht ausgemacht, dass sich unsere Erwartungen mit denen der geflüchteten Menschen decken. „Wir haben die Hoffnung, dass wir langfristig gesehen Fachkräfte gewinnen, aber viele Flüchtlinge haben vielleicht eher die Hoffnung, dass sie bald in ihre Heimat zurückkehren können.“

 

Erwartungshorizonte (Forum IV)

„Auch wenn die Flüchtlinge irgendwann in ihre Herkunftsländer zurückkehren sollten, ist die Investition in die Bildung keine Fehlinvestition. Denn diese Menschen können dann zu wirtschaftlichen und kulturellen Brückenbauern werden“, sagte dazu Mustafa Yoldaş in der anschließenden Gesprächsrunde. Yoldaş ist Vorsitzender des Rats der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V. und saß neben der jungen Journalistin und Netzaktivistin Kübra Gümüşay auf dem Podium. Beide sind deutsche Staatsbürger, doch ihr Blick auf dieses Land ist in besonderer Weise von ihrem Migrationshintergrund geprägt. Aus diesem Erfahrungswissen könne man auch einiges ableiten, was für die Flüchtlingsdebatte relevant ist, meinte Gümüşay. Sie stelle fest, dass es in Deutschland bei vielen Bürgern große Defizite im Umgang mit fremden Kulturen gebe. Diese Menschen würden sich durch Andersartigkeit in ihrem Identitätsgefühl bedroht fühlen und prinzipiell mit Abgrenzung reagieren. Den Zuwanderern werde dadurch das Gefühl vermittelt, dass sie nicht dazugehörten und nicht wirklich deutsch seien. Dabei sei allerdings völlig offen, was das eigentlich genau bedeute. Welche Voraussetzungen müsse man denn erfüllen, um als Deutscher zu gelten? Welche Werte und Normen sind konkret damit verknüpft? Diese Debatte müsse dringend geführt werden, um den Menschen die zu uns kommen, aber auch den Menschen die hier leben, Orientierung zu geben. Das dürfe man nicht der AfD oder Pegida überlassen. „Es reicht nicht aus, den Flüchtlingen in Integrationskursen Werte zu vermitteln. Im Grunde fehlt uns ein gemeinsam ausgehandelter Gesellschaftsvertrag für dieses Land.“ Das sieht Yoldaş ähnlich. „Viele Muslime sind doch lediglich physisch in Deutschland anwesend. Seelisch und geistig sind sie noch sehr stark mit ihrem Herkunftsland verbunden.“ Für die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken seien beispielsweise die Wahlen in der Türkei wichtiger, als die Wahlen hierzulande. Das dürfe man nicht hinnehmen, schließlich handele es sich doch um Bürger dieser Gesellschaft, um Arbeitskollegen, Nachbarn und Freunde. Diesen Menschen müsse man klarer sagen und zeigen, dass sie zu Deutschland gehören. Auf der anderen Seite müsse man aber auch deutlich machen, dass von ihrer Seite ebenfalls Integrationsleistungen erwartet werden. Dazu gehöre auch die Abnabelung vom Herkunftsland. „Wer dauerhaft hier leben will, der muss weder Glaube noch Kultur aufgeben, aber er muss bereit sein, sich auf die Gepflogenheiten dieser Gesellschaft einzulassen und sich hier zu engagieren.“ Das könne man nicht verordnen, sondern sei ein Prozess, der von gegenseitigem Verständnis getragen werden müsse. Dabei dürfe man gerade in der aktuellen Situation die kulturelle Prägung von Flüchtlingen nicht ausblenden. Diese hätten vielfach ein anderes Verständnis von Autorität, oder Respekt vor dem weiblichen Geschlecht. Man müsse sich klar machen, dass im Alltag vieler Flüchtlingskinder Gewalt an der Tagesordnung war und teilweise auch noch ist. „Sie müssen sich durchsetzen und denken in Kategorien von Sieg und Niederlage. Das kollidiert mit unseren Vorstellungen und führt gerade auch in der Schule zu Missverständnissen und Konflikten“, sagte Yoldaş. Die Kinder müssten lernen, dass der freiere und sanktionsärmere deutsche Schulalltag nicht bedeutet, dass hier Disziplin und Leistung keine Rolle spielen. Der interreligiöse Dialog könne solche Lernprozesse befördern, denn für die Mehrheit der geflüchteten Menschen spiele der Glaube im Alltag eine wichtige Rolle. Hier sieht er auch eine große Aufgabe und Verantwortung für die muslimischen Verbände und Moscheegemeinden in Deutschland. Es sei wichtig, dass Interkulturelle Bildung und Wertevermittlung nicht nur von der „Mehrheitsgesellschaft“ angeboten wird. „Es ist sicher überzeugender, wenn man solche Dinge von „Glaubensbrüdern“ zu hören bekommt.“ Prinzipiell hält er es für richtig, dass dieses Land klare Erwartungen an die Menschen formuliert, die bei uns Zuflucht suchen. „Integration ist keine Einbahnstraße und Deutschland ist nicht das Land, wo Milch und Honig fließen, sondern wo man etwas leisten muss, wenn man einen gewissen Lebensstandard erreichen möchte.“ Da gebe es vielleicht bei einigen Flüchtlingen noch falsche Vorstellungen, die ausgeräumt werden müssten. Aber: „Zu uns kommen Menschen mit Persönlichkeit und Würde und nicht Volksgruppen. Wir müssen uns bemühen, geflüchtete Menschen in ihrer kulturellen und individuellen Vielschichtigkeit zu sehen. Wir müssen wegkommen von stereotypen Zuschreibungen, die sich an Religionszugehörigkeit oder Staatszugehörigkeit orientieren“, betonte Gümüşay. Vor allem dürfe bei der ganzen Diskussion über Integration der Flüchtlinge eins nie vergessen werden: diese Menschen haben viel durchgemacht, sie haben alles verloren, manche sind traumatisiert. Sie benötigen jetzt erst mal Schutz, Ruhe und Zeit um hier anzukommen.

Die Reckahner Bildungsgespräche sind eine Veranstaltungsreihe des Verband Bildungsmedien in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Augsburg und der Universität Potsdam. Sie bieten ein Gesprächsforum, auf dem die Ziele der Bildungsreformen und deren Umsetzung konstruktiv hinterfragt und abseits der tagespolitischen Zwänge diskutiert werden. In einer Zeit des tief greifenden Umbruches im Bildungssystem soll der interdisziplinäre Dialog intensiviert werden. Dafür werden Vertreter/-innen aus Politik, Wissenschaft, Bildungspraxis und den Medien eingeladen.

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