Bildungskonferenz 2016

Bildungskonferenz 2016 in Berlin Bildungskonferenz 2016 in Berlin Matthias Heyde

"Wie politisch sind Bildungsmedien?", 10. und 11. November 2016 in Berlin

Wie politisch sind Bildungsmedien? Dieser Frage gingen am 10. und 11. November 2016 die 60 Teilnehmer/-innen der Bildungskonferenz in Berlin nach. Veranstalter waren die Ludwig-Maximilians-Universität München und die Humboldt-Universität zu Berlin, unterstützt vom Verband Bildungsmedien e. V.

Das ausführliche Tagungsprogramm und eine Teilnehmerliste finden Sie unten zum Download.

 

Tagungsbericht

von Johanna Böttges, die-journalisten.de GmbH

 

Die Ansprüche an Bildungsmedien seitens der Politik, der Wissenschaft, der Verbände und nicht zuletzt der Lernenden sind hoch – und gehen teils weit auseinander. Wie wirken diese Kräfte auf Lehrmaterialien? Und welchen Einfluss haben Schulbücher auf unsere Gesellschaft? Kurzum: Wie politisch sind Bildungsmedien und was können und sollen sie leisten? Über diese Fragen tauschten sich Vertreter/-innen von Verlagen und Wissenschaft, Schulverwaltung und Bildungspolitik, Lehrer- und Elternverbänden in Berlin aus. 

In seinen einleitenden Bemerkungen warnte Wilmar Diepgrond, Vorsitzender des Verbands Bildungsmedien e. V., vor einer „Tendenz zum Einheitsschulbuch“, die sich in einigen europäischen Ländern abzeichne.

„Es ist wichtig, dass die Vielfalt der Angebote bestehen bleibt.“ Wie viele unterschiedliche Kräfte versuchen, auf diese Angebote Einfluss zu nehmen, verdeutlichte Joachim Kahlert, Professor für Grundschuldidaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, anhand aktueller Beispiele. Ist die Karikatur des türkischen Präsidenten zulässig? Dürfen Schulbücher Massentierhaltung kontrovers behandeln? Wann gerät die Darstellung amerikanischer Ureinwohner zum Klischee? Debatten wie diese, oft begleitet von Interventionsversuchen verschiedener Akteure, unterstreichen laut Kahlert den Stellenwert von Schulbüchern für die Verständigung einer zunehmend komplexen Gesellschaft. Er mahnte jedoch, sich nicht in Endlosdiskussionen zu verlieren. „Vielmehr muss es darum gehen, Impulse für eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen kulturellen Praxen zu setzen“, so Kahlert. (Vortrag als .pdf zum Download)

Einschränkung hält auch Heinz-Elmar Tenorth, emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, für die Voraussetzung eines funktionierenden Bildungssystems. Statt die Schule mit unerfüllbaren Erwartungen zu überfrachten, solle man ihre Grenzen anerkennen und sich auf ihre tatsächlichen Leistungen besinnen. Die „Entlassung aller Probleme dieser Welt auf die Schule“ hält Tenorth für ein illusorisches Unterfangen. 

Welchen Anteil an dieser Entwicklung Journalisten haben, erörterte Regina Mönch, Feuilletonredakteurin der F.A.Z. Sie kritisierte, dass Pressevertreter Behauptungen von Behörden oder Verbänden in ihren Berichten oft unhinterfragt übernähmen und forderte: „Journalisten sollten nicht nur als Vermittler tätig sein, sondern als kritische Richter.“ Auf der anderen Seite werde es für Mönch selbst schwieriger, Gesprächspartner zu finden, die bereit seien, offen mit Journalisten zu sprechen. Neben allgegenwärtigen Themen wie der Digitalisierung kämen Versäumnisse wie der funktionale Analphabetismus von 7,5 Millionen Schulabgängern in der Berichterstattung zu kurz, so die Redakteurin. 

 Nichtsdestotrotz nahm die Bildungskonferenz die Digitalisierung zum Anlass, zu fragen: „Wenn Wissen immer und überall verfügbar ist, was wird aus unserem tradierten Verständnis von Bildung?“ Darin, dass Lernkanon und analoger Unterricht keineswegs überflüssig werden, waren sich die Podiumsgäste um Moderator Lothar Guckeisen einig. „Natürlich ist digitale Bildung wichtig“, räumte Ewald Kiel ein, Professor für Schulpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Aber dass die Digitalisierung das Lernen revolutioniert, halte ich für übertrieben.“ Auch Dr. Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs Schule im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht in digitalen Medien in erster Linie ein Werkzeug. Sie plädierte dafür, Chancen und Risiken abzuwägen: „Studien zeigen, dass gerade Schüler, die Probleme mit der Aneignung von Lernstoffen haben, über Beziehungen lernen.“ Der Geschäftsführer des Verband Bildungsmedien, Andreas Baer, hob die Möglichkeiten hervor, die digitale Lernmittel beispielsweise für die individuelle Förderung bieten. Digitale Bildungsmedien seien bei den Verlagen bereits verfügbar, doch die Schulen bräuchten die von der Bundesregierung mit dem Digitalpakt in Aussicht gestellten Milliarden, um sie nutzen zu können.

Auch Dr. Maren Saiko, Vorstandsmitglied des Verband Bildungsmedien, forderte die Politik auf, die nötigen Rahmenbedingungen für digitale Medien zu schaffen. Von der Idee bis zur ministeriellen Genehmigung zeichnete sie nach, wie ein Lehrwerk entsteht. Mit Teams aus Fachleuten und Praktikern, vielfältigen Korrektiven und einer Qualitätssicherung durch die Redaktion leisteten die Verlage einen wesentlichen Beitrag zum Bildungserfolg, der jedoch oft unterschätzt werde, so Saiko. (Vortrag als .pdf zum Download)

Viola B. Georgi, Professorin an der Universität Hildesheim für Erziehungswissenschaften, betrachtet Bildungsmedien als zentrales Instrument zur Darstellung gesellschaftlicher Vielfalt. Allerdings seien sie keine Träger objektiven Wissens, sondern hätten stets diskursiven Charakter. Als Leiterin des Zentrums für Bildungsintegration stellte Georgi eine gemeinsam mit dem Georg-Eckert-Institut durchgeführte Studie vor, der zufolge aktuelle Schulbücher Migration eher problematisieren, statt sie als Normalität darzustellen. Die Pädagogin sprach sich für mehr interkulturelle Bildungsmedienforschung aus, die die Rolle der Schüler und Lehrkräfte als aktive Subjekte berücksichtigt.

Wie die Macherinnen und Macher von Bildungsmedien versuchen, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden, verdeutlichte Dr. Anja Hagen, Geschäftsführerin des Cornelsen Verlags. Sie zeigte, wie Abbildungen unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten in Unterrichtsmaterialien zustande kommen. „In dem Moment, wo man Bildungsmedien macht, vereinfacht man, selektiert und betreibt Modellbildung“, sagte Hagen. Gleichzeitig sollten sich alle Lernenden mit den dargestellten Lebensformen identifizieren können. Damit das gelingt, organisiert ihr Verlag Schulungen in einem internen Expertennetzwerk, konsultiert externe Fachleute und kooperiert mit Netzwerken von Lehrkräften mit Migrationshintergrund.

Wie entsteht ein Lehrplan – und wer bestimmt, was darin steht? Darüber tauschten sich Vertreter der staatlichen Bildungsinstitute in Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg aus. Prof. Peter Grotz vom baden-württembergischen Landesinstitut für Schulentwicklung bezeichnete die vier Jahre dauernde Entwicklung neuer Bildungspläne als spannende Zeit mit teils hitzigen Debatten. Für einen transparenten Prozess hatten die Beteiligten Zwischenergebnisse online gestellt und wertvolle Rückmeldungen erhalten. „Das war zwar anstrengend, aber durchaus konstruktiv und hat zu einem besseren Ergebnis geführt“, bilanzierte Grotz. „Ein Lehrplanwerk zu erarbeiten ist ein langwieriger und komplexer Prozess. Kritik muss man ein stückweit aushalten“, bestätigte Angela Bachmann vom Sächsischen Bildungsinstitut, das kürzlich sämtliche Lehrpläne für allgemein- und berufsbildenden Schulen erneuert hatte. Arnulf Zöller vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung Bayern stellte die Eigenverantwortung der Schulen in den Vordergrund. „Lehrpläne transportieren viel mehr Freiheitsgrade, als allgemein vermutet wird“, so Zöller. 

Wie Lehrerinnen und Lehrer die Vielzahl gesetzlicher und politischer Vorgaben bewältigen – sei es in Bezug auf Medienpädagogik, Inklusion oder Integration –, diskutierten Vertreter von Lehrerverbänden auf dem Abschlusspodium. Angesichts divergierender Vorstellungen davon, was Schule und Lehrkräfte leisten sollen, sähen sich Lehrkräfte teilweise überfordert, sagte Simone Fleischmann, stellvertretende Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung für Schul- und Bildungspolitik und Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. „Ich erlebe Kollegen, die spüren: Ich werde dem nicht mehr gerecht.“ Dabei mangele es ihnen nicht an Kompetenz, betonte Malte Blümke vom Philologenverband Rheinland-Pfalz. Er plädierte dafür, mehr Kontinuität ins Bildungssystem zu bringen, damit sich Lehrkräfte auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können. Dr. Ilas Körner-Wellershaus, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Verband Bildungsmedien, sieht Bildungsmedien als Instrument, um Lehrkräfte in der Unterrichtsvorbereitung zu entlasten. „Sind die Arbeitszeitregelungen für Lehrkräfte noch zeitgemäß?“ – auch darüber müsse man reden, gab Nuri Kiefer zu bedenken, der bei der GEW Berlin den Vorstandsbereich Schule leitet. Die Politik habe Herausforderungen wie die Inklusion auf die Lehrkräfte „abgeschultert“, so Kiefer. Sie zu bewältigen, funktioniere nur mit einem hohen Grad an Multiprofessionalität und Teamarbeit. 

 

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