Bildungskonferenz 2010

"Bildungsreformen ohne Bildungsmedien? Schulbücher und pädagogische Innovationen", 25. und 26. November 2010 in München

Lehrer nutzen sie als Steinbruch, Schüler lieben andere Medien und Eltern kommen damit nicht klar: Das ist eine mögliche Beschreibung von Schulbüchern. Die andere: Unterricht braucht das Schulbuch, es unterstützt Lehrer bei der individuellen Förderung und gibt Schülern Orientierung und Anregungen. Kurz: Es ist unverzichtbar. Ende November 2010 hatten sich rund 60 Experten aus Wissenschaft, Praxis, Politik, Ministerien, Verlagen, Lehrer- und Elternverbänden in München auf einem zweitägigen Kongress zu einem Thema getroffen, zu dem eigentlich alle etwas zu sagen haben, weil jeder den Gegenstand kennt - und sei es nur aus der eigenen Schulzeit: das Schulbuch.

"Das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft"

Bildungsreformen ohne Bildungsmedien?" lautete der Titel des Kongresses und gleich zu Beginn hatte Prof. Joachim Kahlert von der Ludwig-Maximilians-Universität München dazu eine Antwort. Er bescheinigte den heutigen Schulbüchern und Lernmedien "so etwas wie das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft zu sein". Die Strukturierung und übersichtliche Darstellung ganzer Wissensgebiete sei gerade heute angesichts des gesellschaftlichen Wandels und des immensen wissenschaftlichen Fortschritts eine nicht zu unterschätzende Leistung von Schulbüchern. Dagegen stehe allerdings die Erfahrung des Pädagogen, dass für Wissenschaftler die Anreize, an einem Schulbuch mitzuarbeiten, "gegen null gehen". Es würden sogar eher noch Barrieren aufgebaut. Denn das Schulbuch gelte nicht als Publikationsorgan, für das Wissenschaftler schreiben sollten. "Die Anzahl von Publikationen in hoch spezialisierten Zeitschriften gilt viel, die Mitwirkung an Schulbüchern nichts," beschrieb Kahlert den aktuellen Wissenschaftsbetrieb. Wer trotzdem an Schulbüchern mitarbeite, müsse sich dafür noch rechtfertigen, so der Grundschulpädagoge.

Eine Kritik, der Prof. Dr. Eva Matthes von der Universität Augsburg ergänzend beipflichten konnte: Denn auch in der bisherigen Lehrerausbildung habe die Auseinandersetzung mit Schulbüchern keinen Platz. In den Universitätsbibliotheken suche man vergebens nach Schulbuchsammlungen, selbst in aktuellen fachdidaktischen Standardwerken komme das Thema Schulbuch nicht vor.

Einblicke ins Schulbuchmachen

"Machen wir uns nichts vor: Auf die meisten Menschen in unserer Gesellschaft üben Schulbücher und Bildungsmedien wenig Reiz aus", sagte schließlich einer, der es wissen muss: Wolf-Rüdiger Feldmann, stellvertretender Vorsitzender des Branchenverbandes VdS Bildungsmedien. Den Tagungsteilnehmern vermittelte Feldmann einen Einblick ins Schulbuchmachen: "Wenn man, wie unsere Branche, in 16 verschiedenen Teilmärkten - sprich Bundesländern -, gut 20 verschiedenen Schularten und rund 50 Fächern auf der Basis von 3000 Lehrplänen für 700 000 Lehrer und 40 000 Bildungsinstitutionen unterwegs ist, braucht man so etwas wie seismografische Fähigkeiten, um die jederzeit und vielerorts stattfindenden Ausschläge des Systems Schule registrieren zu können."

Einen spannenden Einblick in die Werkstatt der Schulbuchmacher gab Gunnar Grünke, Verleger C.C. Buchners Verlag. Er gab zu verstehen, dass der Staat mit der Fokussierung auf prozessbezogene Kompetenzen die Verantwortung für die konkreten Unterrichtsinhalte komplett auf die Schulbuchverlage mit ihren Autoren übertrage. Dabei stellte Grünke klar, dass die Kompetenzorientierung der Lehrpläne für sich allein betrachtet nicht problematisch sei. Was aber verstöre, sei die Tatsache, dass auf ein Überangebot an Inhalten in den Curricula eine Inhaltsleere folge. Verlage müssten nun in schwieriger Planungsarbeit den Spagat zwischen theoretischen Vorgaben und den Erwartungen der Lehrer und Schüler leisten.

Große Anstrengungen attestierte denn auch der Ministerialdirektor im Bayerischen Kultusministerium und Vorsitzender der Amtschefskonferenz der Kultusministerkonferenz, Josef Erhard, den Schulbuchverlagen: "Jede der Reformen in den letzten Jahren konnte erst beginnen, als das passende Schulbuch vorlag." Sein Fazit: "Ich hätte in den letzten zehn Jahren nicht Schulbuchmacher sein mögen".

Gutes Schulbuch für guten Unterricht

"Ein gutes Schulbuch garantiert nicht den guten Unterricht, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Lehrer einen Unterricht machen, in dem die Schüler motiviert werden, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen", beschrieb Prof. Eva-Maria Lankes den Wert von Schulbüchern. Einen Unterricht, so die Schulpädagogin von der TU München, "in dem die Schüler kognitiv aktiv sind und die notwendige Unterstützung erhalten, um erfolgreich selbstständig lernen zu können."

An diesem Bildungsauftrag würden die Lehrer gern arbeiten, bestätigte Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, aber sie müssten auch in die Lage versetzt werden, sich wirklich um diesen Bildungsprozess zu kümmern. "Wir werden aber ständig gestört - in jeder Schulart, Jahr für Jahr - durch einen Aussortierauftrag. Und beides geht nicht zusammen", kritisierte Wenzel.

Lehrer unterstützen

Auch Prof. Dr. Wilhelm Schipper bekräftigte die Rolle des Lehrers, weil gute Mathematikbücher noch keinen guten Mathematikunterricht garantierten. Deshalb forderte der Mathematikdidaktiker von der Universität Bielefeld die Verlage auf, sich in Zeiten, in denen sich die Bundesländer aus der Lehrerfortbildung zurückzögen, noch stärker als bisher als Agenten für die dritte Phase der Lehrerbildung zu positionieren und Lehrern die fachdidaktischen Konzepte näher zu bringen.

"Am Schuljahresende nicht ungeöffnet wieder abgeben"

Die in den vergangenen Jahren oft gestellte Frage, ob das Schulbuch - angesichts der fortschreitenden Digitalisierung - ein Auslaufmodell sei, ist passé. Er könne keinerlei Tendenz beobachten, dass die Bedeutung von Schulbüchern infrage gestellt werde, betonte auch Heinz-Peter Meidinger. Im Gegenteil, so der Gymnasiallehrer und Vorsitzende des Philologenverbandes: "Zu den spannendsten Diskussionen zählen in der Schule die, bei denen es um die Einführung eines neuen Schulbuchs geht." Und Ursula Walther, stellvertretende Bundeselternratsvorsitzende, resümierte ganz pragmatisch aus ihrem langjährigen Erfahrungsschatz: "Das ideale Schulbuch aus Elternsicht ist das Buch, das am Schuljahresende nicht ungeöffnet wieder abgegeben wird."

"Je besser die Werkzeuge, desto besser die Ergebnisse"

Das Schulbuch allein genüge aber nicht mehr zur Unterstützung des Unterrichts, betonte Tilo Knoche aus der Geschäftsführung des Ernst Klett Verlags. Längst gehörten zu den Schulbüchern und Arbeitsheften auch Fördermaterialien, auditive Medien und visuelle Materialien. Ergänzt würden sie unter anderem durch Kopiervorlagen oder Stundenentwürfe - etwa zur Differenzierung des Unterrichts. Außerdem seien Lösungsmaterialien, Lektüren, Fotostorys, digitale Materialien und Internetportale Bestandteile der sogenannten Titelfamilien. „Eine Vielzahl an Materialien also, die versucht, all das abzufangen, was ein Schulbuch gar nicht darstellen kann“, so sein Fazit.

Bildungsmedien, so Schulbuchverleger Rüdiger Feldmann, seien Werkzeuge für Lehrer, damit sie ihre Profession besser umsetzen können, aber "wir alle, die wir möglicherweise manchmal zu Hause rumwerkeln, wissen: Je besser die Werkzeuge, desto besser sind letztendlich auch die Ergebnisse. Aber wir wissen auch eins: Gute Werkzeuge sind teuer."

Wesentlicher Beitrag zur inneren Differenzierung

Zur Ausgangsfrage der Tagung "Bildungsreformen ohne Bildungsmedien?" gab Eva Matthes abschließend eine eindeutige Antwort: "Bildungsreformen sind auf Bildungsmedien angewiesen." Eine der großen Herausforderungen sei die Heterogenität der Schülerschaft und da könnten die Bildungsmedien durch Angebote der inneren Differenzierung einen ganz wesentlichen Beitrag leisten. Dafür, so die Pädagogin, bedürfe es allerdings Lehrkräfte, die gelernt hätten, kritisch und selbstbewusst mit den Medien umzugehen. Das Schulbuch bleibt also weiterhin ein spannendes und wichtiges Thema – auch für die Wissenschaft.

Diese Zusammenfassung der Schulbuchkonferenz „Bildungsreformen ohne Bildungsmedien?“ wurde von Ute Diehl, Agentur bildungsklick, geschrieben.

  • Eine Übersicht über das Programm können Sie dem Konferenzflyer im Anhang entnehmen.

  • Für den Download der einzelnen Vorträge klicken Sie bitte auf den Namen des gewünschten Referenten im Anhang.

Veranstalter der Schulbuchkonferenz 2010 München

 

 

  

 

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