Bildungskonferenz 2012

"Digitale Bildungswelten - Zukunft der Schule?", 15. und 16. November 2012 in Frankfurt am Main

Tablets, Smartphones und soziale Netzwerke prägen den Alltag von Schülerinnen und Schülern. Die neuen Medien sind nicht nur in ihrer Freizeit präsent, sondern zunehmend auch in der Schule. Vor diesem Hintergrund diskutierten 55 Experten zwei Tage lang in Frankfurt am Main darüber, welche Bildungsmedien Lehrer am besten unterstützen, welche Chancen und Risiken die neuen Medien für Lernprozesse bieten und welche Rolle die Schulbuchverlage bei der Digitalisierung spielen. Das Fazit: Die Lernwelt der Zukunft setzt auf eine didaktisch sinnvolle Mischung aus traditionellen und neuen Bildungsmedien. Entscheidend für den Lernerfolg bleibt die Qualität der Medien und die Kompetenz der Pädagogen.

Tagungsbericht
Katja Irle, Bildungs- und Wissenschaftsjournalistin

Werden Kinder durch Tablets klüger? Können digitale Bildungsmedien aus Problemschülern Klassenbeste machen und gleichzeitig Lehrer in ihrem pädagogischen Alltag entlasten? Wird der Unterricht effektiver? Andreas Baer, Geschäftsführer des Verbands Bildungsmedien, zählte zum Auftakt der Konferenz alle Hoffnungen und Versprechungen auf, die den Diskurs um digitale Bildungsmedien befeuern. Die Referenten der Konferenz versuchten diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Einig waren sich die Expertinnen und Experten darin, dass das bloße Vorhandensein digitaler Medien in den Schulen allein keinen Mehrwert schafft. (Vortrag im Anhang)

„Wir können keine genaue Zukunftsprognose darüber treffen, wie effektiv digitale Bildungsmedien tatsächlich sind“, sorgte Professor Joachim Kahlert, Grundschuldidaktiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München, gleich zu Beginn der Veranstaltung für eine gewisse Ernüchterung. Die Befunde seien widersprüchlich, die Erwartungen aber immens hoch: „Sie reichen bis zur Hoffnung auf eine Revolution unseres Bildungssystems“. Kahlert erinnerte daran, dass auch in der Vergangenheit technische und didaktische Neuerungen wie die so genannte „programmierte Unterweisung“ oder das Sprachlabor als Durchbruch in der Welt des Lernens gefeiert wurden – oft zu unrecht. „Geblieben ist jedoch die Idee, das Lernen mit technischen Mitteln zu fördern“. Digitale Medien seien aus den Schulen nicht mehr wegzudenken, sagte Kahlert: „Aber sie sind kein Selbstzweck.“ (Vortrag im Anhang)

Der stellvertretende Vorsitzende des Verbands Bildungsmedien, Wolf-Rüdiger Feldmann, gab in seinem Vortrag unumwunden zu, dass „die Produktgattung Schulbuch nicht gerade als sexy gilt“. Dennoch seien Schulbücher nach wie vor das Leitmedium in den deutschen Schulen. Die Nutzungskriterien für die analogen Bildungsmedien müssten ebenso für die digitalen gelten, sagte Feldmann, der ein Qualitätsversprechen abgab: „Wir brauchen eine aufeinander abgestimmte Medienvielfalt in den Schulen. Dafür stehen die Schulbuchverlage.“ Gleichzeitig erinnerte er an die Bedeutung eines funktionierenden Urheberschutzes in digitalen Zusammenhängen. Er sei die Basis für jede verlegerische Tätigkeit. (Vortrag im Anhang)

Aus der Perspektive des Informatikers näherte sich Professor Beat Döbeli Honegger von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz den Chancen der digitalen Bildungsmedien. Sein Appell an die Tagung lautete: Keine Scheu vor Experimenten, sondern ausprobieren! Auch er plädierte für eine Methodenvielfalt an den Schulen. Rein empirische betrachtet, seien die Bildungsmedien selbst nicht der zentrale Faktor bei der Frage nach effektivem Unterricht Bildund guter Lernatmosphäre. Aus Sicht des Experten verändert sich jedoch der Auftrag von Bildungsmedien in der Wissensgesellschaft mit ihrer Tendenz zur Informationsüberflutung: „Schüler müssen heute nicht nur richtige Antworten wissen, sondern lernen, die richtigen Fragen zu stellen.“ (Vortrag)

Eher skeptisch, was den derzeitigen Mehrwert der digitalen Medien betrifft, betrachtete Marianne Demmer vom Bundesvorstand der Bildungsgewerkschaft GEW das Thema. Lehrer seien auf eine funktionierende IT-Ausstattung angewiesen, doch das sei an vielen Schulen nicht gegeben, deshalb griffen Pädagogen gern auf das Altbekannte zurück. Ihr Fazit: Lehrer wünschten sich verschiedene Bildungsmedien – aber alle von einem hohen praktischen wie didaktischen Nutzen. (Vortrag im Anhang)

Regierungsschuldirektorin Gabriele Lonz vom Kultusministerium Rheinland-Pfalz sah Lehrer, Schüler und Eltern bereits auf einem guten Weg in die digitale Zukunft. Mut macht ihr das 2007 gestartete Landesprojekt „Medienkompetenz macht Schule“. Die ehemalige Mathematiklehrerin war überzeugt: „Digitale Medien können Lehrer auch sehr entlasten.“ (Vortrag im Anhang)

Eltern erwarteten von digitalen Bildungsmedien mehr Aktualität als in Schulbüchern sowie die Möglichkeit, das Lernen noch mehr zu individualisieren, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrats, Ursula Walther. Für Mütter und Väter seien Open Educational Resources (OER), also offene Lernangebote im Netz, eine gute Alternative zu klassischen Bildungsmedien. Mit dieser Aussage erntete Walther Widerspruch auf der Tagung. Der Tenor: Schulen brauchen Bildungsmedien mit abgesicherter Qualitätskontrolle. Das könnten OER-Angebote aber nicht leisten. (Vortrag im Anhang)

Welchen Mehrwert schaffen digitale Medien? Wie digitale Bildungsmedien in Schulen konkret wirken, zeigten Christine Hauck, Abteilungsleiterin New Business in den Cornelsen Schulverlagen, Dr. Ilas Körner-Wellershaus, Ernst Klett Verlag - Verlagsleitung Leipzig, und Thomas Michael, Geschäftsführung Bildungshaus Schulbuchverlage Westermann Schroedel Diesterweg Schöningh Winklers anhand von aktuellen Produkten – etwa einem Online-Lernportal als Zusatzangebot zum Schulbuch oder einer Software, mit der Schüler im Geographieunterricht digital auf Weltreise gehen können. (Präsentation Cornelsen und Präsentation Klett im Anhang, Produktlink Westermann)

Jörg Meyer-Scholten, Leiter der Zentralabteilungsleitung im Hessischen Kultusministerium skizzierte unter dem Titel "Schulreformen mit Web 2.0?" Erwartungen an Bildungsmedien im Kontext von Veränderungsprozessen (Vortrag im Anhang)

Die Podiumsdebatte zum Abschluss der Tagung führte zurück zum Nucleus einer erfolgreichen Pädagogik, dem Lehrer und seiner Kompetenz. „Es wird eine neue Sehnsucht nach der Persönlichkeit des Lehrers geben“, prognostizierte der Chef des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. Lehrer Bildhätten keine Angst vor den neuen Medien. Sie seien sich ihrer Verantwortung für das Gelingen von Lernprozessen bewusst – egal ob mit herkömmlichen oder digitalen Medien.

Wolf-Rüdiger Feldmann vom Verband Bildungsmedien appellierte an die Politik, nicht nur über den hohen Stellenwert der Bildung zu debattieren, sondern auch zu handeln: „Die Schere in der Bildung darf nicht noch weiter auseinandergehen.“

Aus der Binnensicht eines Schülers argumentierte Daniel Sokolowski vom Internat Schloss Hansenberg, dem Oberstufengymnasium des Landes Hessen für besonders begabte Schüler. In der Schule der Zukunft könne die „informationelle Vermittlung“ von Lerninhalten über Skripte erfolgen, schlug er vor. Die Vertiefung und Diskussion sei dann nach wie vor Aufgabe des Lehrers. Die Vernetzung der Schüler werde zudem weiter voranschreiten, sagte Sokolowski – „nicht nur im privaten, sondern auch im schulischen Bereich.“ Das könne das gemeinsame Lernen fördern.

Marin Majica, Redakteur für digitale Medien bei der Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung, formulierte ebenfalls seine Vorstellung von der Schule der Zukunft – verbunden mit Kritik am Ist-Zustand: „Ich habe die Vision, dass Schule unmittelbarer als bisher auf die Lebensrealität der Schüler reagiert – und darin sind digitale Medien ein wesentlicher Bestandteil.“

Kontrovers diskutierten Podium und Publikum die Frage, welche Aufgabe und Form gedruckte Schulbücher und ihre teilweise Ablösung durch digitale Bildungsmedien haben sollen. Liefern die Verlage ein Endprodukt wie bisher? Oder sollen Lehrer und Schüler Bildungsmedien aktualisieren und nach ihren persönlichen Vorstellungen verändern und gestalten dürfen? Eine endgültige Antwort auf diese Frage fand die Konferenz nicht, dennoch schloss sich am Ende ein Argumentationskreis: „Digitale Medien führen nicht automatisch zu leichterem Lernen“, warnte Feldmann vor übertriebenen Hoffnungen, ohne dabei die Bedeutung innovativer neuer Medien für Schule und Unterricht kleinzureden. Die Qualität macht’s – und der Lehrer.

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