"In Theorie und Praxis: Wer bestimmt, was Schüler lernen?", 27. und 28. November 2014 in Hamburg

Tagungsbericht
von Joachim Göres, freier Journalist

Der Staat gibt durch Kerncurricula und Bildungsstandards einen Rahmen vor, was Schüler lernen – die konkrete Umsetzung liegt in Zeiten wachsender Schulautonomie in den Händen der Lehrkräfte. Sie sollen dafür sorgen, dass nur geeignete Lehr- und Lernmaterialien im Unterricht genutzt werden. Dies betrifft auch den Einsatz von freien Bildungsmaterialien aus dem Internet, die den Unterricht aktueller machen sollen – und sich einer staatlichen Aufsicht entziehen. Überweist der Staat damit seine Verantwortung an die Lehrkräfte? Haben sie nicht schon genügend andere Aufgaben? Wieviel Offenheit verträgt die Schule, wieviel staatliche Kontrolle ist nötig? Eingangsbemerkungen zu Beginn der Konferenz durch Wilmar Diepgrond, Vorsitzender des Verbandes Bildungsmedien, die von den nachfolgenden Rednern unter verschiedenen Aspekten beleuchtet wurden.

Freie Bildungsmaterialien – ein Thema, das Professor Joachim Kahlert (Präsentation im Anhang) aufnahm, Grundschuldidaktiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie sind international unter der Abkürzung OER bekannt, Open Educational Resources. In Berlin haben ein Lehrer und ein Medienberater ein Biologiebuch für die siebten und achten Klassen entwickelt und es kostenlos zum Download im Internet angeboten. „Beim Berliner Bio-Buch wollten viele Lehrer mitschreiben, nur wenige haben es getan. Die Initiatoren mussten deshalb viel Geld für den Einkauf fremder Texte bezahlen.“ Für den Einsatz in der Schule müssen OER laut Kahlert inhaltlich korrekt, passend zum jeweiligen Curriculum sowie rechtssicher sein. „Wer soll das prüfen? Lehrer sind damit überfordert“, so Kahlert. Er warnte vor Schulmaterialien aus dem Internet, mit denen Interessensgruppen zu Themen wie Gentechnik, Energieversorgung oder der Zukunft des Individualverkehrs einseitige Lobbyarbeit betreiben.

Für Ties Rabe, Hamburger Bildungssenator, hat das schlechte Abschneiden Deutschlands beim Pisa-Test eine stärkere Offenheit an den Schulen gefördert. Der Pflichtstoff wurde zurückgefahren, Kompetenzen wurden wichtiger. In Hamburg erarbeite jede Schule einen kompetenzorientierten Bildungsplan. Das führe zu großen inhaltlichen Unterschieden beim vermittelten Stoff von Schule zu Schule. Es sei nicht mehr so wichtig, ob zum Beispiel der 30-jährige Krieg behandelt werde. „Diese Offenheit ist ein großes Risiko, sie macht mir zunehmend Kopfzerbrechen. Ich überlege, die Offenheit einzugrenzen“, sagte Rabe in einer Diskussion mit Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes und Direktor des Robert-Koch-Gymnasiums Deggendorf. Meidinger beklagte, dass der in Bayern bestehende Spielraum für Schulen, eigene Schwerpunkte zu setzen, oft nicht genutzt werde – aus Bequemlichkeit bei Lehrkräften und Schulleitern.

„OER sind nicht neu, doch in Zeiten von Wikipedia ist ihre Zahl rasant gestiegen“, sagte Wolf-Rüdiger Feldmann (Präsentation im Anhang), stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Bildungsmedien. Lehrer müssten prüfen, ob sie für den Einsatz im Unterricht geeignet seien. Feldmann ist überzeugt: Die Kosten für die dafür nötige Arbeitszeit liegen höher als die Ausgaben für die von Schulbuchverlagen erstellten Bildungsmedien. Derzeit werde im Unterricht vor allem das gedruckte Schulbuch genutzt, aber auch die digitalen Angebote der Verlage seien umfangreich und nähmen weiter zu. „Es gibt noch wenig Empirie darüber, was digitale Medien für die Schüler an Kompetenzgewinn bringen“, betonte Feldmann.

Wie digitale Medien von Schüler individuell genutzt werden können, zeigten Christine Hauck (Präsentation im Anhang, für die digitale Strategie bei den Cornelsen Schulverlagen zuständig) , Dr. Ilas Körner-Wellershaus (Präsentation im Anhang, Verlagsleiter Leipzig beim Ernst Klett Verlag) und Thomas Michael (Link, Geschäftsführer Bildungshaus Schulbuchverlage Westermann Schroedel Diesterweg Schöningh Winklers) unter anderem an einem Deutschbuch mit digitalem Unterrichtsassistenten für den inklusiven Unterricht, das eine Geschichte in verschiedenen digitalen Fassungen mit unterschiedlich umfangreichen Wortschatz beinhaltet.

Professorin Eva Matthes (Präsentation im Anhang) vom Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Augsburg präsentierte eine Studie, die sie im Auftrag des Verbandes Bildungsmedien über den Schuleinsatz von kostenlosen Bildungsmedien aus dem Internet erstellt hat. Danach nutzen 90 Prozent der Lehrer solche Materialien für ihren Unterricht, 20 Prozent stellen eigene Ausarbeitungen ins Netz. Besonders stark würden digitale Gratismedien in Informatik, Physik, Sozialkunde und im Sachunterricht eingesetzt. 559 Internet-Anbieter hat die Erziehungswissenschaftlerin identifiziert, in erster Linie Privatpersonen wie etwa pensionierte Lehrer (145), öffentliche Anbieter wie Universitäten (100), Vereine und Stiftungen (98), Verlage (87), kommerzielle Anbieter (61) und Unternehmen (50). „Das Angebot von Unternehmen ist in bestimmten Bereichen phantastisch, mit einem tollen Layout-Niveau, die stecken viel Geld darein. Dabei werden sehr subtil versteckte Inhalte vermittelt – solche Strategien werden von Lehramtsstudenten oft nicht erkannt“, sagte Matthes. Materialien von Schulbuchverlagen stellten dagegen eher unterschiedliche Positionen dar. Grundsätzliche Probleme von kostenlosen Bildungsmedien aus dem Internet wie die fehlende Offenlegung von didaktischen und methodischen Positionen, Urheberrechtsfragen, Subjektivität und Interessensverhaftung seien nicht schnell zu überwinden.

Wer kontrolliert, welche Bildungsmedien in der Schule eingesetzt werden? Dazu gaben Fachleute aus verschiedenen Bundesländern in einer Podiumsdiskussion Auskunft. In Nordrhein-Westfalen seien im vergangenen Jahr von 300 neuen Lehrwerken nur ein bis zwei nicht zugelassen worden, so Paul Eschbach, Referatsleiter Fortbildung im Düsseldorfer Ministerium für Schule und Weiterbildung. Meistens würden sie von einem Gutachter überprüft. Eschbach kritisierte die von den Verlagen erstellten digitalen Schulmedien: „Bei der Qualität gibt es noch Luft nach oben.“ Nach Angaben von Elfriede Ohrnberger, Ministerialrätin im Bayrischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, wird in Bayern jedes Schulbuch von zwei Gutachtern geprüft. Bei 90 Prozent der zugelassenen Bücher müssten noch bestimmte Vorgaben erfüllt werden. Der Forderung, dass alle aus dem Internet in der Schule eingesetzten Materialien durch ihre Behörde zertifiziert werden sollten, erteilte sie eine Absage: „Das wäre dann unsere größte Abteilung, das ist nicht machbar. Ich erwarte von Lehrern einen kritischen Umgang mit Quellen.“

Nach Angaben von Moderator und Fachjournalist Lothar Guckeisen gibt es in Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin kein eigenes Zulassungsverfahren für Schulmedien. Dies sei für kleinere Bundesländer zu teuer, meinte Oberschulrat Ludger Pieper, Vorsitzender des Schulausschusses der Kultusministerkonferenz. Ein bundesweit einheitliches Zulassungsverfahren für Bildungsmedien lehnte er ab. Bundesweit bestehen rund 3000 Lehrpläne. Die unterschiedlichen Anforderungen in den einzelnen Bundesländern führten bei den Lehrwerken zu einer Vielzahl von unterschiedlichen Fassungen.

Werden 2030 professionelle Bildungsmedien noch gebraucht? Diese Frage leitete die Abschlussdiskussion ein. Der Lehrer und Blogger Torsten Larbig lenkte den Blick auf die Schüler: „Das Buch wird vielen Schülern aufgezwungen, ihr eigentliches digitales Medium wird ihnen an vielen Schulen verboten. An unserem Gymnasium in Frankfurt/Main überlegen wir, wie man die digitalen Geräte der Schüler didaktisch sinnvoll einsetzen kann.“ Nach Larbigs Überzeugung wird das Schulbuch als Leitmedium mittelfristig nicht mehr existieren. Inhalte würden zunehmend über Netzwerke zur Verfügung gestellt werden. „Lehrer sind nicht damit überfordert, die Qualität dieser Materialien zu beurteilen“ – mit diesem Urteil bewertete Larbig, der als Deutsch- und Religionslehrer selber Interpretationen und Sachanalysen online stellt und darüber mit anderen Lehrern und Schülern im Internet austauscht, OER deutlich positiver als viele seiner Vorredner.

„Professionelle Bildungsmedien werden immer wichtiger, weil Lehrer immer mehr Aufgaben übernehmen müssen“, betonte Dr. Maren Saiko, Geschäftsführerin des C.C. Buchner Verlages. Für Dr. Ilka Hoffmann vom Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verhindert das heutige Schulsystem viele Bildungschancen von Schülern. Sie unterstrich die Bedeutung der Lehrkräfte, deren Feedback die Schüler nach vorne bringe. Digitale Bildungsmedien müssten für jeden zugänglich sein und es müsse darauf geachtet werden, wer sie mit welchem Interesse zur Verfügung stelle.

Dr. Nils Weichert, Wikimedia Deutschland, konnte leider nicht an der Konferenz teilnehmen. Seine Vortrag zum Thema "Open Educational Resources" steht jedoch im Anhang zum Download bereit.

Weitere Downloads im Anhang.

"Die Schule und das Netz": Einen Bericht über die Konferenz von Michael Roesler-Graichen finden Sie auf www.boersenblatt.net.

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